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Wie ich meine größte Angst überwunden habe

Wie ich meine größte Angst überwunden habe

Ich studiere aktuell im vierten Semester Sonderpädagogische Förderung mit dem Fach Deutsch an der Uni Köln. Bis jetzt habe ich bereits einige Praktika an schulischen Einrichtungen absolviert. Doch so richtig sicher stand ich nie vor einer Klasse. Ist Lehramt trotzdem das richtige für mich? Das habe ich mich sehr oft gefragt. Und mit meinem Auslandsaufenthalt habe ich eine Antwort gefunden.

Als ich mich für mein Studium entschieden habe, waren einige Faktoren entscheidend. Zum Beispiel, dass ich sehr gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeite. Außerdem vermittle ich ein Thema gerne auf eine noch so alberne Art und Weise – Hauptsache es trägt zum besseren Verständnis bei. Auch erwische ich mich viel zu oft dabei, wie das innere Kind in mir erwacht und ausbricht. Oft fiebere ich deshalb viel zu euphorisch mit den Kindern mit oder muss mich selbst zurückhalten, bei Arbeitsaufträgen nicht gleich in die Gruppenarbeit mit den Kindern zu springen. Alles so weit so gut, oder?

Wovor hatte ich eigentlich Angst?

Doch nur, weil ich gut mit Kindern auf Augenhöhe zurecht komme, bedeutet das nicht, dass ich sie auch gut unterrichten kann. Das dachte ich zumindest. Ich glaubte nämlich immer, dass eine gute Lehrkraft auch nur dann eine gute Lehrkraft sein kann, wenn sie ein gesundes Gleichgewicht zwischen freundschaftlichen Begegnungen und Autorität aufbringt. Meine Angst entstand dadurch, dass ich mich oft gefragt habe, was ich mache, wenn ich nur die Seite besitze, die mit allen Kindern befreundet sein möchte und nicht streng sein kann?

An der Deutschen Schule Osorno jedoch habe ich eine einmalige Möglichkeit erhalten: Ich durfte eine eigene Klasse unterrichten. Diese Erfahrung war eine Chance, um meiner Angst entgegenzutreten. Ich musste nicht nur neue Lehrmethoden erforschen, sondern auch mich und meine Persönlichkeit besser kennenlernen. Wieso? Nie zuvor kam die strenge Seite in mir zum Vorschein. Denn in Wahrheit habe ich nie alleine unterrichtet. Stets hat eine andere Person den strengen Part übernommen, ich war immer „nur“ die Praktikantin.

Aber das ist dieses Mal anders

Doch wenn deine eigene Klasse mal nicht zuhört, im Unterricht Chemie- statt Deutschaufgaben löst oder auf dem Handy Clash of Clans spielt und keine andere Lehrperson da ist, um den Buhmann zu spielen, dann musst du selbst eingreifen. Und mit Eingreifen meine ich nicht, dass ich erst mal rumschreien oder die Schüler:innen bedrohen muss, damit sie mitarbeiten. Ich habe in meiner bisherigen Praktikumszeit gelernt, dass es immer gute Gründe gibt, weshalb die Schüler:innen nicht zuhören. Manchmal ist der Unterricht einfach langweilig gestaltet oder vielleicht beziehe ich eine Gruppe von Kindern nicht genug in den Unterricht mit ein.

Wie kann ich die Aufmerksamkeit der Schüler:innen gewinnen? Und dafür muss ich auch gar nicht streng, laut oder böse sein. Das Wichtige hierbei ist das Know-How. Welche Methodik kann ich verwenden, damit ich die Klasse in meinen Bann ziehe und sie für ihre Mitarbeit am Unterricht motiviere?

Diese Methoden helfen mir

1. Rituale und Gewohnheiten

Ich habe mir angeeignet, am Anfang des Unterrichts ein geläufiges und bekanntes Ritual zu wiederholen. Mein Ritual besteht in Vokabeln abfragen. Klingt jetzt erst mal echt boring, ich weiß. Doch ich nehme immer einen Ball mit und schmeiße den Kindern den Ball zu, während ich ihnen ein Wort auf spanisch nenne. Das Ganze funktioniert etwa so, dass alle Kinder für die Begrüßung einmal aufstehen. Gleich danach kommt dann der Ball zum Einsatz. Ein Kind darf sich erst dann wieder hinsetzen, wenn es mit dem richtigen Wort auf deutsch geantwortet hat. Das Ziel ist, dass alle Kinder wieder auf ihrem Platz sitzen. Und bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Ball in den Schüler:innen interessanterweise oft einen Ehrgeiz herauskitzelt.

Die Schüler:innen wissen gleich zu Beginn des Unterrichts: Okay, Frau Mila fragt jetzt wie immer die Vokabeln ab. Vielleicht sollte ich sie mir noch einmal kurz anschauen, damit ich gleich nicht wie ein verlorenes Erdmännchen in der Gegend rumstarre.

2. Unterricht auflockern

Das A und O in der Unterrichtsgestaltung ist das Auflockern des trockenen Materials. Denn Grammatikkapitel sind oft langweilig. Und Textproduktion kann auch echt anstrengend sein. Genau so wie ständig auf Deutsch sprechen zu müssen. Da hätte ich als Schülerin auch schnell keine Lust mehr, wenn ich dauerhaft 100 Prozent geben müsste und nicht mal die Möglichkeit hätte, einfach mal zu entspannen. Und stell dir dann mal noch vor, dass deutsch sowieso dein absolutes Hassfach ist!

Genau aus diesem Grund ist es besonders wertvoll, auch auf eine auflockernde Art und Weise Unterrichtsmaterial zu vermitteln. Sei es mit Spielen, Witzen oder einfach im Gespräch. Ich habe oft das Gefühl, dass die Schüler:innen konzentrierter mitarbeiten, wenn wir zuvor eine kurze lockere Phase bestehend aus Spielen oder Gesprächen hatten.

Hier haben wir gemeinsam im Klassenverband gefrühstückt. Eine gute Idee, um mal die Strenge und den Druck aus dem Schulleben zu nehmen.

3. Feedback einholen

Dieser Punkt ist wahrscheinlich für die meisten selbsterklärend und einleuchtend. Aber Feedback ist so essentiell, wenn man an sich selber arbeiten und seinen Unterricht verbessern möchte. Nicht umsonst frage ich die Schüler:innen daher öfter mal, wie sie den Unterricht heute fanden oder wie ihnen die Aufgabe gefallen hat. Nur so kann ich den Unterricht besser an die Bedürfnisse der Kinder anpassen.

4. Abwechselnde Formate

Erinnerst du dich noch an deine Schulzeit? Und erinnerst du dich noch an die Fächer, die dir gar nicht gefallen haben? Wenn ich mich zurück erinnere an meine Zeit in der Schule, dann waren meine Hassfächer auf jeden Fall die, in denen ich ständig nur abschreiben und zuhören musste. In denen nie das Format geändert wurde und sich der Unterricht einfach wie ein endloses Kaugummi gezogen hat. Schrecklich. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, das Unterrichtsformat häufig zu wechseln. So viele Sinne können während des Unterrichts stimuliert und gleichzeitig gefordert werden, dass es viel zu schade ist, die Schüler:innen ständig nur etwas abschreiben zu lassen.

Ein abwechslungsreicher Unterricht hat nicht nur für die Schüler:innen den Vorteil, dass sie ihr Können auf verschiedenen Ebenen beweisen können. Auch die Lehrkräfte können die Kinder viel komplexer fördern und unterstützen und somit ein umfassenderes Bild über die Fähigkeiten der Klasse gewinnen.

Hier hat der Unterricht direkt mal im Sitzkreis begonnen. Ganz ohne Blatt auf dem Tisch, ohne Stift in der Hand und ohne Tafel im Blickfeld.

Mein Fazit

Ganz ehrlich? Egal, welche Angst du hast. Es gibt immer Mittel und Wege, sich dieser Angst zu stellen, glaube ich. Oft braucht das viel Mut und vor allem Zeit. Aber wenn du dich deiner Angst stellst, kannst du nur über dich hinauswachsen und rückblickend vielleicht sogar feststellen, dass deine Angst total unbegründet war. Wie du es auch anstellen magst, du wirst etwas dazulernen, finde ich. So war das zumindest bei mir. Und für diese Herausforderung war und bin ich sehr dankbar.

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