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5 Vorurteile über Saudi-Arabien

5 Vorurteile über Saudi-Arabien

Woran denkst du, wenn du Saudi-Arabien hörst? Öl, Waffen, Verschlossenheit und strenge islamische Gesetze? Diese Assoziationen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind sicherlich nicht unbegründet, allerdings höre ich häufig ähnliche Sätze, von denen ich fünf in diesem Artikel thematisieren und euch einen Einblick in meine Perspektive geben möchte.

1. Frauen dürfen nicht Auto fahren

„Saudi-Arabien? Da dürfen Frauen doch nicht mal Auto fahren!“ Doch, dürfen sie. Seit Juni 2018 ist es auch Frauen in Saudi- Arabien erlaubt, Auto zu fahren. Das Königreich war das letzte Land weltweit, in dem dieses Verbot herrschte. Nun sehe ich täglich Frauen hinter dem Steuer und es sieht so aus, als hätten sie nie etwas anderes getan. Das Ende des Autofahrverbots für Frauen gehört zu einer Reihe von Reformen, mit denen das saudische Königshaus das Land öffnen möchte. Seit einigen Monaten sind auch Konzerte erlaubt, außerdem haben ein paar Kinos geöffnet. Vorangetrieben werden die Reformen vom 32-jährigen Kronprinz Mohammed bin Salman.

Autofahren in Saudi- Arabien. Vergesst euren internationalen Führerschein nicht!
Autofahren in Saudi- Arabien. Vergesst euren internationalen Führerschein nicht!

2. Frauen müssen sich verschleiern

Seit 2016 gibt es die sogenannte „Religions- oder Sharia-Polizei“ nicht mehr. Diese war dafür zuständig, auf den Straßen die Sharia-konforme Kleiderordnung zu kontrollieren oder die Ladenschließungen während der Gebetszeiten (5x täglich) zu überprüfen.

Seit kurzem ist auch die Abaya-Pflicht (bodenlanges Gewand für Frauen) aufgehoben. Gesetzlich sind die Frauen im Königreich also nicht verpflichtet, sich zu bedecken. Viele tun dies jedoch aus eigener oder religiöser Motivation, nicht aber, weil der Staat sie zwingt. Auch ein Kopftuch ist keine Pflicht und ich sehe regelmäßig Frauen mit offenem Haar. Als Ausländerin reicht auf der Straße eine Abaya oder eine längere Jacke.

Ein Abaya-Laden
Ein Abaya-Laden auf einem lokalen Markt: Die Abaya gibt es in allen Formen und Farben, von Leinen- über Baumwolle oder Samt, schlicht oder mit umfangreicher Dekoration geschmückt.

3. Das Land ist (für Frauen) gefährlich

Da ich in Djidda lebe, kann ich bisher nur über meine Erfahrungen aus der Hafenstadt sprechen und außerdem von den Erfahrungen meiner weiblichen Freundinnen berichten. Für Djidda, als zweitgrößte Stadt des Königreichs, lässt sich sagen, dass sie allgemein als sichere Stadt gilt und man sich als Frau problemlos frei bewegen, ohne Angst vor Belästigungen oder Raub haben zu müssen. Im Vergleich zu Kairo fällt mir positiv auf, dass ich keiner sexuellen Belästigung ausgesetzt bin. Auf den Straßen herrscht eine hohe Präsenz der (Verkehrs-)Polizei, auch Vergehen im Straßenverkehr werden hoch und vor allem teuer bestraft.

Straße
Die Straße, in der ich wohne. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in einem Stadtteil mit möglichst wenig (westlichen) AusländerInnen zu ziehen.

Womit allerdings jeder aufpassen sollte, sind Fotoaufnahmen, vor allem von voll verschleierten Frauen. Hier gab es lange ein muslimisches Abbildungs- und Fotoverbot. Junge Saudis sind nutzen die Sozialen Medien im weltweiten Vergleich jedoch am meisten. Von allem wird ein Foto gemacht und gepostet und Instagram ist äußerst beliebt, wobei jedoch nichts Politisches gepostet wird/werden sollte.

Streetart
Streetart in Jeddah: der derzeitige Kronprinz Mohammed bin Salman (links) und sein Vater, König Salman bin Abdulaziz

4. Die Menschen sind ungebildet

Die Einschreibequoten saudischer Schulabgänger an eine Universität sind mit 78% die höchsten der Welt. Überrascht? Neben meinem Praktikum bin ich einmal die Woche an der Effat-Universität, wo ich mit der dortigen DAAD-Lektorin einen German-Day veranstalte und Projekte mit den Studentinnen organisiere. Die Effat-Universität ist die erste Frauenuniversität des Königreichs, die unter König Faisal gegründet wurde. Neben der Effat-Universität, die zu den Privatuniversitäten zählt,  gibt es 26 staatliche und zehn weitere private Universitäten. Für die staatlichen Einrichtungen werden keine Studiengebühren erhoben und jeder Studierende erhält ein staatliches Stipendium. Diese sind bisher lediglich für saudische Bürger zugänglich beziehungsweise für Kinder saudischer Mütter (die offiziell als Ausländer gesehen werden). Das Bildungssystem ähnelt sehr stark dem der USA und arbeitet genauso mit Credit-Punkten, die je nach Stundenzahl und Relevanz des Fachs vergeben werden.

Insgesamt lässt sich sagen, dass das saudische Hochschulwesen noch sehr jung ist. Erst 1957 wurde mit der Kind Saud Universität die erste Hochschule errichtet. Hintergrund der hohen Anzahl Studierender ist die angestrebte „Saudisierung“ des lokalen Arbeitsmarktes, die zum Ziel hat, die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften in allen Bereichen zu reduzieren. Dementsprechend kommt auch dem Bildungssektor eine besondere Aufmerksamkeit zugute: 25% des Staatshaushalts werden in die Bildung investiert. Für weitere Infos siehe hier .

Die Effat-Universität, im Süden Jeddahs, war die erste private?
Einmal wöchentlich bin ich an der Effat-Universität, wo ich mit den Studentinnen Projekte durchführe

Allgemein fällt auf, dass die Saudis überdurchschnittlich gut Englisch sprechen. Ich habe viel Kontakt zu jungen saudischen Frauen, die sehr gebildet, weltoffen und international stark vernetzt sind. Es gibt vermehrt junge Frauen, die ihr eigenes Start-up gründen und eine meiner engsten Freundinnen hat vor kurzem ihren ersten Roman veröffentlicht.

5. Das Land ist verschlossen und rückschrittlich

Wie oben bereits erwähnt: Saudi-Arabien befindet sich im Wandel. Dies zeigt sich in vielen Bereichen des alltäglich Lebens, beispielsweise im Aufheben der Geschlechtertrennung: Bis vor kurzem war in  Saudi-Arabien im öffentlichen Leben alles streng getrennt. Dies öffnet sich seit 2016 schrittweise. In allen Banken, Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen gibt es einen Männer- und einen Frauenbereich und auch in Restaurants und Cafés gibt es meist einen Familienbereich und einen Single-Bereich, wobei unter „Singles“ in Saudi-Arabien ausschließlich Männer verstanden werden.

Man kann jedoch inzwischen ohne Probleme mit einer gemischten Gruppe oder nur zu zweit, Mann und Frau, im Familienbereich sitzen. Ausschließliche Männergruppen dürfen jedoch nur in den Single-Bereich. Auch auf der Straße können sich Männer und Frauen freundschaftlich zusammen aufhalten. In Supermärkten und kleineren Läden (Kioske, Imbisse) gibt es nun keine Geschlechtertrennung mehr.

Family entrance
Zwei getrennte Eingänge: wenn auch gesetzlich nicht mehr verpflichtend, dennoch in den meisten, vor allem größeren, Einrichtungen weiterhin umgesetzt

Ich wurde hier seit meinem ersten Tag sehr herzlich empfangen und habe bis jetzt keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich hoffe, ich konnte dir mit diesem Artikel und meinen Erfahrungen einen Einblick in das sonst so verschlossen wirkende Land geben und freue mich jederzeit über Rückfragen oder Anmerkungen.

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