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Corona-Krise – Russlands Version

Corona-Krise – Russlands Version

März: Weltweit schließen Unis und Institutionen, Grenzen werden geschlossen. In Deutschland hamstern die Menschen Klopapier, die Welt versinkt langsam in Panik . Und in Russland? Hier lief das Leben zunächst normal weiter. Ein paar Wochen später jedoch: Lockdown.

Vor ein paar Wochen dachte ich noch,  ich könnte mein Auslandssemester normal zu Ende bringen. Moskau und Russland erkunden, mich weiter daran gewöhnen im Wohnheim ein Zimmer zu teilen, mich mit russischen Studierenden unterhalten und auch öfters mal meine Großeltern in Wolgograd besuchen. Anfang März spitze sich die Situation in der Europäischen Union zu, Kommilitonen brachen ihre Erasmussemester ab oder mussten ihr Praktikum im Homeoffice weiter machen.

Meine amerikanischen Kommilitonen in Russland, wurden von ihren Unis in den USA nach Hause zitiert. An meiner Uni, dem Moskauer Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO), ging der Alltag weiter und in Moskau war nichts von Panik zu vernehmen.. Ich freute mich, dass die Krise an uns vorbeigehen könnte und dachte, dass wir schlimmstenfalls für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt werden können.

In einer Nacht hatte ich Fieber, Halsweh und Schnupfen. Der Arzt schickte mich aufs Zimmer und sagte, ich soll zwei Tage zuhause bleiben. In der gleichen Woche kamen noch neue Kommilitonen aus Italien an, diese sollten sich für zwei Wochen selber isolieren. Mir ging es ein paar Tage später, einem Montag, wieder besser und ich beschloss, dass gute Wetter auszunutzen und mich mit meinem Kommilitonen Constantin, der ebenfalls aus Deutschland kommt, zu treffen.

Dann kam es aus dem Nichts

So saßen wir nichts ahnend und gut gelaunt in einem kleinen Café in der Innenstadt von Moskau. Irgendwie hatten wir die naive Illusion, dass die Krise um Moskau einen Bogen macht und wir das Semester wie gewohnt abschließen können. Diese Vorstellung wurde paar Minuten später zunichte gemacht. Die E-Mail, die uns erreichte besagte; morgen wird die MGIMO geschlossen und am Freitagsollen wir aus dem Wohnheim ausziehen. Die Realität hatte uns nicht nur eingeholt, sie kam auf uns herabgestürzt und wir begriffen: unser Auslandssemester war vorbei. Es hatte gerade erst angefangen, langsam hatte ich mich angekommen gefühlt und bereit für die nächsten Monate und das sollte nun das Ende sein.

Das Ende des Semesters

Wir eilten zurück zur Uni, da wir noch einen Antrag stellen sollten, damit wir das Geld fürs Wohnheim zurückbekommen. Mein Pass lag auch noch dort in einem Büro. Ich hatte ihn für eine Visumverlängerung abgegeben. Moskau ist groß und bis wir an der Uni ankamen, war es schon nach 16 Uhr und die entsprechenden Büros geschlossen. Somit nutzen wir die Zeit, um paar Fotos zu machen, einen Pulli mit dem Uni-Logo als Erinnerung zu kaufen und einfach durch die Gänge zu schlendern und uns zu verabschieden. Damit fing das Verabschieden erst an, unser Zimmer wurde das Gemeinschaftszimmer. Immer war irgendwer dort anzutreffen, alle hatten das Bedürfnis zu reden, ihre Emotionen zu teilen und gemeinsam das Ende des Semesters zu bedauern.

In den letzten Tagen nahmen wir fast alle Mahlzeiten zusammen ein und feierten fast jeden Abend Abschied. Direkt in der Nacht von Montag auf Dienstag flogen zwei Franzosen nach Hause, danach verabschiedete sich ein Amerikaner, dann flog ein Kommilitone in die Türkei, darauf folgte einer nach Polen und am Donnerstag verabschiedeten sich ein Italiener, meine Mitbewohnerin, Laureen aus Frankreich und Eva aus Deutschland.

Verabschiedung
Abschied

 

Als Letztes, am Freitagmorgen flog die Schweizerin zurück und Constantin und ich entschieden, unsere vorher gebuchte Reise nach St. Petersburg anzutreten. Zu dem Zeitpunkt waren die Grenzen noch offen und in Russland keine weiteren Einschränkungen zu verzeichnen. Schulen wurden nur bis zum 5. April geschlossen. Tja, wir hatten uns alle auf sechs interessante Monate eingestellt und nach noch nicht mal zwei sollte alles vorbei sein.

Uni und Corona?

Die Uni gab uns eine Woche Urlaub und stellte danach auf Online-Vorlesungen um. Gruppenarbeit, Präsentation und Prüfungen werden jetzt online abgehalten, teilweise im kompletten Chaos. Während am Anfang noch Hoffnung bestand, dass die Uni noch mal öffnen wird, ist jetzt klar, dass der Rest des Semesters online stattfinden wird.

Und ich?

Irgendwie war ich nicht bereit, meine Zeit in Russland zu beenden. Solange ich überlegte, was ich tun sollte und mir St. Petersburg und Murmansk anschaute verschärfte auch Russland die Maßnahmen. Museen, Restaurants und andere Einrichtungen wurden geschlossen. Nicht nur Europa schloss die Grenzen, sondern auch Russland. Außerdem führte Russland eine Quarantäne bis zum 5. April ein, die erlaubt, nur zum Supermarkt, zur Apotheke oder zum Arzt zu gehen. Am 4. April wurde diese dann bis zum 30. April verlängert. Jetzt sitze ich nach einer 40-stündigen Zugfahrt bei meinen Großeltern in Wolgograd in Quarantäne, habe einen Koffer, in dem auch meine Notizen aus den Vorlesungen sind, in Moskau und probiere, die Vorlesungen weiter mitzumachen und bei den Prüfungen mein Bestes zu geben. Die nächste Herausforderung, die mir bevorsteht, ist, mein Visum zu verlängern. Es läuft am 29. April aus und die Quarantäne in Russland besteht mindestens einen Tag länger. Meine Mutter kann mit meiner Tochter erst mal nicht nach Russland kommen und wenn ich wieder nach Deutschland zurück kann, steht in den Sternen.

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