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Ein Tag in meinem Leben an einer saudi-arabischen Uni

Ein Tag in meinem Leben an einer saudi-arabischen Uni


Jeder Tag hier an der King-Abdullah-Universität sieht anders aus: Manchmal sammele ich Proben und muss dafür mit einem Boot aufs Meer rausfahren. An anderen Tagen mache ich Experimente, die sich bis zum nächsten Morgen ziehen. Meistens jedoch bin ich auf dem Campus und versuche, verschiedene Aufgaben meines Projektes, Laborarbeit und mein Sozialleben unter einen Hut zu bekommen.

Wenn du wissen willst, welche Experimente und Projekte ich genau mache, dann ließt du am besten meinen Beitrag über mein Korallenforschungsprojekt in Saudi-Arabien!

7:00 Uhr

Der Wecker klingelt! Manchmal auch etwas früher, je nachdem, wie spät ich in am Tag davor ins Bett gegangen bin und was an dem jeweiligen Tag ansteht. Während des Ramadans passiert vieles sehr früh am Morgen, da muss ich manchmal schon um vier Uhr aufstehen… Ich mache mich fertig für den Arbeitstag, das heißt ich ziehe mir passende Kleidung an (nicht schulterfrei; außerdem eine lange Hose und geschlossene Schuhe für das Labor aus Sicherheitsgründen). Dann gehe ich zu Fuß zum Hauptcampus, was ein schöner Spaziergang ist: Ich komme an der Moschee vorbei, sehe das Meer und die Palmen.

8:00 Uhr

Angekommen an meinem Schreibtisch fange ich mit dem langweiligen, aber notwenigen Teil meiner Arbeit an. Ich checke E-Mails und meinen Kalender, außerdem mache ich eine To-do-Liste für den Tag. Das dauert oft länger als gedacht, ich muss immer auch im Auge behalten, was unter der Woche passiert, damit ich rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginne. Ich erforsche Korallen, das heißt ich muss ab und zu mit dem Boot raus, und das erfordert etwas Planung. Meine Experimente sind vielfältig, da mein Projekt komplex ist und mehrere Bereiche abdeckt.

Wenn ich danach nichts besonders Dringendes zu tun habe, arbeite ich etwas länger an meinem Schreibtisch weiter. Mal lese ich Paper (Artikel, in denen Wissenschafler:innen ihrer neuesten Erkenntnisse darlegen), mal sortiere ich Daten oder erstelle Graphen (Graphen sind immer gut, um Forschungsergebnisse visuell darzustellen, sie helfen mir, Trends zu erkennen) – irgendetwas gibt es immer zu tun. Meistens aber muss ich noch irgendetwas Wichtiges besprechen und dafür auch mal in andere Gebäude laufen. Allgemein laufe ich sehr viel hin- und her, um die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt zu erwischen!

10:00 Uhr

Jetzt geht es ins Labor, ich habe ein Training, um zu lernen, wie eines der Instrumente funktioniert. Die Instrumente hier sind unglaublich teuer, deswegen habe ich immer ein bisschen Angst etwas kaputt zu machen. Ich brauche die Instrumente aber, um meine Proben zu analysieren. Das Training hilft mir, das Instrument richtig zu bedienen. Eine Kollegin, Claudia, die hier ihre Doktorarbeit macht, kommt dazu. Wir waren beide bis tief in die Nacht mit einem gemeinsamen Experiment beschäftigt (Tag- und Nachtsimulationen für die Korallen in 12-stündigen Intervallen) und sind müde. Umso nerviger ist es, dass das Instrument nicht das tut, was es soll, nämlich Zellen zählen! Es ist nützlich, um herauszufinden, wie schnell sich Zellen vermehren, aber jemand scheint es nicht richtig gereinigt zu haben und es ist verstopft. Nach einigen Versuchen wird das Training verschoben und geht hoffentlich nächste Woche weiter, das Instrument muss erst mal repariert werden.

Eine junge Frau in einem Labor, sie zuckt die Schultern

Klappt nicht – also nochmal von vorn! Wer Wissenschaft macht, braucht viel Geduld.

11:30 Uhr

Zeit fürs Mittagessen! So früh esse ich normalerweise noch nicht zu Mittag, aber weil es hier alle tun, habe ich mich darauf eingestellt. Oft esse ich kein Frühstück (ich vertrage früh essen nicht besonders gut, vor allem wenn ich müde bin) und habe dann schon richtig Hunger. Die Mensa – hier genannt ‘Diner’, hat gutes Essen, ähnlich einer deutschen Mensa, um sich dem internationale Publikum anzupassen. Die günstigste Option hier kostet etwa 4 Euro und beinhaltet einen Salat, eine Hauptspeise(Gemüse oder Fleisch mit Reis, Nudeln oder Kartoffeln), einen Nachtisch und ein Getränk. Nach dem Essen quatsche ich noch ein bisschen mit meinen Kolleginnen, und wir genießen die Sonne.

12:30 Uhr

Zurück im Labor bereite ich entweder ein neues Experiment vor, räume ein altes weg oder probiere eine neue Methode aus. Zur Zeit analysiere ich Gase: Ich injiziere mit einer Spritze ein Gas in einen Gaschromatographen. Der Gaschromatograph zeigt mir an, welche Gase in der Probe sind und in welcher Konzentration. Einige Mikroben, die mit Korallen zusammenleben, produzieren bestimmte Gase und ich will erforschen, wie viel. Allerdings muss ich den Gaschromatographen erstmal kalibrieren, das heißt, richtig einstellen. Dafür braucht ich Geduld und eine hohe Frustrationstoleranz, meist funktioniert nichts auf Anhieb und ich muss eine Menge Zeit investieren, um das Problem zu finden.

14:00 Uhr

Es funktioniert immer noch nichts und ich bin ziemlich genervt! Eine Abwechslung kommt mir da gerade recht. Ich muss zurück zu meinem Schreibtisch, denn ich habe ein Online-Meeting. Ich teile meine Zeit zwischen dem Labor (hier verbringe über 70% der Zeit), Meetings und Emails (10-20% meiner Zeit) und Feldarbeit (ebenfalls zwischen 10-20% meiner Zeit). Da das Projekt, von dem meine Masterarbeit ein Teil ist, eine Kollaboration zwischen meiner Heimatuni in Bremen und der King Abdullah University ist, müssen wir uns online treffen. Via Zoom besprechen wird die Aufgaben der Woche und versuchen gemeinsam Probleme zu lösen (zum Beispiel, was ich mit dem Gaschromtographen machen soll, der mich eben geärgert hat). Oft hat jemand noch einen guten Tipp, wenn etwas nicht zu funktionieren scheint.

Zwei junge Frauen zersägen ein Rohr
Anpacken notwendig! Vieles von dem, was ich im Labor brauche, ist tatsächlich selbstgebastelt: Hier säge ich den Rahmen, der im ersten Bild zu sehen ist! An ihm werden Lampen über den Aquarien aufgehängt.

15:00 Uhr

Zeit für eine kurze Kaffeepause oder in meinem Fall Teepause (ich mag keinen Kaffee). Danach sortiere ich kurz meine Notizen aus dem Meeting und füge eventuelle To-dos zu meiner Liste hinzu. Schnell noch ein paar E-Mails beantworten, dann geht es weiter. Ein Gastdozent hält einen Vortrag über Schwämme und mit ihnen assoziierte Mikroorganismen für die Mitglieder unseres Labors. Das passiert sehr häufig, denn es wird viel kollaboriert. Diese Vorträge sind interessant, weil sie Einblicke in die Forschungsprojekte anderer Labore geben, und oft haben die Teilnehmer:innen Ideen für zukünftige gemeinsame Projekte. So ist auch das Projekt zustande gekommen, für das ich hier in Saudi-Arabien bin – über Vorträge und Austausch meines Professors aus Deutschland und meiner Professorin and der King Abdullah Universität. So ein Austausch startet meist auf wissenschaftlichen Konferenzen, wird mit gegenseitigen Besuchen und Vorträgen (wie dem heutigen) fortgeführt und endet häufig in einem gemeinsamen Forschungsprojekt wie dem, für das ich meine Masterarbeit schreibe.

16:30 Uhr

Es geht zurück ins Labor, einen Versuch starten, beenden oder einer Kollegin helfen. Von Korallen, die einen Ausschlag verursachen können, bis hin zu Sekundenkleberunfällen (ein Schuh, der sich partout weigert, vom Boden abgelöst zu werden), ist eigentlich immer etwas, das den Zeitplan durcheinanderwirft. Häufig ist es einfach ein Versuch, der nicht funktioniert oder komplett unerwartete Daten abliefert. Heute fotografieren wir Korallen. Mit den Bildern können wir 3D-Modelle erstellen, die uns helfen, die Oberfläche der Korallen zu berechnen. Wenn ich irgendwann meine Gase analysiert habe, ist das hilfreich. Denn mehr Oberfläche bedeutet auch mehr Gas, und ich möchte meine Proben vergleichen können.

Ein Sonnenuntergang, der Himmel ist orange
Die Sonnenuntergänge in Saudi-Arabien sind spektakulär, aber sehr schnell vorbei!

17:30 Uhr

Normalerweise gehe ich erst relativ spät nach Hause (manchmal auch erst um 5 Uhr morgens, wenn gerade ein Experiment läuft. Heute habe ich allerdings meinen einen freien Abend und etwas besonderes vor. Ich und meine Kolleginnen haben das so ausgemacht, jeder hat einen freien Hobby-Abend. Denn keiner schafft es, so einen extremen Alltag auszuhalten, ohne einen Ausgleich zu haben! Ich möchte vorher noch meine Tasche zu Hause ablegen, zu Abend essen und mich Umziehen. Um 5:30 Uhr  ist es noch hell, aber es fängt bereits an zu dämmern. Die Hitze des Tages lässt nach, aber es ist meist noch angenehm warm. Der Weg von dem Hauptcampus zu meiner Unterkunft dauert etwa 30 Minuten, da ich wieder zu Fuß gehe. Es gibt auch Busse, aber ich möchte ein bisschen Bewegung und frische Luft nach einem Arbeitstag im Labor.

19:00 Uhr

Mein Kurs geht los! Die Universität bietet ein breites Angebot an Kursen an, vom Frisbee Club über DJing, Gärtnern bis zum Brettspieltreff. Und das wird auch rege genutzt, denn es gibt auf dem Campus weniger zu tun als z. B. in einer Stadt. Die ersten Monate war es mein Arabischkurs, der jetzt allerdings vorbei ist. Nun mache ich einen Töpferkurs. Es tut gut, etwas mit den Händen zu machen und kreativ zu sein und außerdem, sich von oben bis unten mit Ton voll zu kleckern.

21:00 Uhr

Der Kurs ist vorbei, wir dürfen aber länger bleiben, wenn wir wollen, ich muss aber zurück nach Hause, wieder zu Fuß und ab unter die Dusche. Meist quatsche ich dann noch mit einer meiner Mitbewohnerinnen oder treffe auf dem Heimweg jemanden, den ich kenne. Der Campus ist klein, aber alle sind sehr beschäftigt und es gibt immer etwas Neues zu erzählen.

Ein in Aluminiumfolie eingepacktes Gebilde im Labor
Ist das Wissenschaft oder kann das weg? Ein Versuch, der im Dunkelheit braucht, muss gut eingepackt werden!

22:00 Uhr

Frisch geduscht arbeite ich entweder noch etwas an meinem Laptop oder gehe sogar zurück ins Labor. Abends ist fast keiner mehr im Labor und ich kann etwas Musik hören. Das ist auch gut, denn meist bin ich dann schon ziemlich müde, aber irgendwas ist immer noch das getan werden muss. Und da meine Zeit hier begrenzt ist, muss ich zusehen, dass ich alles geschafft bekommen. Denn ohne die Daten gibt es auch keine Masterarbeit! Heute schaue ich mir die 3D-Modelle an, die wir heute Nachmittag erstellt haben. Das Programm braucht immer ein paar Stunden, um sie von den Fotos zu erstellen, und die Modelle müssen noch nachbearbeitet werden. Dann berechne ich noch mit einer Funktion im Program die Oberfläche und trage die Daten in eine Tabelle ein.

1:00 Uhr

Endlich Zeit fürs Bett! Es könnte auch noch später werden, aber ich versuche, das zu vermeiden. Am liebsten gehe ich ja früh ins Bett, aber das ist momentan nur sehr selten möglich. Spätestens um eins ist Licht aus, der nächste Tag wird genauso voll!

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