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Warum jeder das Experiment „Studentenwohnheim“ wagen sollte

Warum jeder das Experiment „Studentenwohnheim“ wagen sollte

In der Uni schlage ich mich momentan mit Statistik rum, mit Zahlen und Formeln und Nervenzusammenbrüchen. Ich lerne etwas über die Geschichte des Mittleren Ostens und wie man eine Literaturanalyse schreibt. In meinem Wohnheim lerne ich allerdings für das Leben. Warum ihr euch auch mindestens ein Mal für das Leben im Wohnheim entscheiden solltet?

Ihr könnt überall schlafen. Zu jeder Zeit. Bei jeder Geräuschkulisse.

Wände im Wohnheim sind eher zur Dekoration gedacht, als dass sie irgendwelche Geräusche zurückhalten könnten. Wenn ihr das erste Mal in ihren papierdünnen Genuss gekommen seid, werdet ihr definitiv am nächsten Morgen die Hände über den Kopf schlagen. „Hier könnt ihr nicht bleiben“, werdet ihr denken. Doch, könnt ihr. Der Körper ist anpassungsfähig. In Zukunft werdet ihr bei allem einschlafen können. Neben euch werden Vierlinge auf die Welt gebracht? Der Nachbar hat ein Schlagzeug zu Weihnachten geschenkt bekommen? Ihr wohnt direkt neben einem Festivalgelände? Während andere sich schlaflose Nächte um die Ohren schlagen, seid ihr friedlich schlummernd im Traumland verschwunden. Schließlich habt ihr beim Meister gelernt.

Nichts bringt euch aus der Ruhe

Stress ist ungesund. Das weiß jeder. Aber keine der im Internet zu findenden Stressbewältigungsstrategien kann auch nur ansatzweise mit dem Leben im Wohnheim mithalten. Warum zum Teufel ist da ein Loch in der Küchendecke? Wer hat die mindestens vierzehn Tonnen schwere Pflanze quer durchs Gebäude gezerrt? Und hat dabei ziemlich offensichtlich versucht, Hänsel und Gretel zu spielen, denn die Pellets führen idiotensicher zum Startpunkt der Odyssee der armen Pflanze zurück. Ziemlich nett eigentlich, so findet sie den Weg zurück, viel einfacher. Das Internet, das nur funktioniert, wenn es Lust hat und angeblich seit einem halben Jahr repariert wird? Die Person, die den Snackautomaten umkippt und das Internet dann im kompletten Gebäude lahmlegt? Irgendwann entwickelt ihr eine Resilienz und nichts aus der realen Welt wird euch je wieder aus der Ruhe bringen können.

Ein Team aus aller Welt

Von meinen eher ironischen Kommentaren von weiter oben mal abgesehen, sind es vor allen die Menschen, die das Leben im Wohnheim so besonders machen. Nach einer Weile wächst man zu so einer Art Team zusammen, denn hier kommen alle möglichen Fähigkeiten zum Ausdruck. Manch einer spricht genug Niederländisch, um dir die Anweisungen der Behörden übersetzen zu können. Im Gegensatz dazu erklärst du ihm die Grundlagen von Excel. Deine englischsprachigen Freund*innen lesen deine Texte gegen, jemand anders bringt dir nach vielen Jahren endlich bei, wie du das Loch in deiner Hose selber zunähst. Ziemlich egal welches Problem du hast, irgendwer unter deinen 350 Mitbewohner*innen wird es schon lösen können.

Irgendwann fühlt es sich an wie Familie

Wenn du Geburtstag hast, wird deine Gemeinschaftsküche für dich geschmückt. Du bekommst einen Kuchen, alle singen. Wie zu Hause, irgendwie. Nach einer Weile entwickelt ihr so eine Art Kühlschrankkommunismus. Zwischen deinen Freund*innen geht das „Hey, kann ich was von deiner Milch haben, ich gebe es dir auch zurück?“ irgendwann in ein „Ja, nimm dir einfach, ich esse doch eh von deiner Marmelade mit.“ über. Ich habe persönlich noch nie solch eine ausgeprägte Kultur des Teilens erlebt wie in meinem Studentenwohnheim. Wenn ich in den Gruppenchat meiner Küche schreibe und nach Eiern frage, kann ich mir sicher sein, dass ich innerhalb von fünf Minuten von zehn verschiedenen Menschen Eier angeboten bekomme. Auch innerhalb des ganzen Gebäudes ist der Zusammenhalt groß. Man verleiht sein Fahrrad an Wildfremde, bekommt dafür die Kuchenform zum Backen in die Hand gedrückt. Mir wurde sogar schon ein Laptop ausgeliehen, von einem Mädchen, das mich vorher noch nie gesehen hatte.

Vielleicht ist das nichts für jeden, ich genieße es allerdings sehr. Ihr entwickelt ein Urvertrauen in andere Menschen. Und es trägt dazu bei, dass ich mich daheim fühle. Denn wie gesagt: Irgendwann fühlt es sich wie Familie an.

 

 

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