studieren weltweit

Boxenstopp oder: Ein Zwischenfazit aus Harvard

Nach vier intensiven Monaten in Harvard ist das erste Semester vorbei. Zeit für einen Boxenstopp. Kein Fazit, kein Schlussstrich – eher ein kurzes Innehalten zwischen Finals, Campusleben und Weihnachtszeit. Wie fühlt sich dieser Moment an, wenn der Kalender plötzlich leer ist, der Campus stiller wird und Raum entsteht, um zurückzublicken?

Es ist Dezember, der Adventskalender wird von Tag zu Tag leerer, „Last Christmas“ läuft auf Dauerschleife und aus dem Ofen duften die Plätzchen: Es ist Weihnachten und damit auch das Ende meines ersten Semesters in Harvard. In den vergangenen vier Monaten habe ich viel studiert, viele spannende und großartige Menschen kennengelernt und unfassbare Dinge erleben dürfen, die ich mir nicht mal hätte vorstellen können. Schon das Buch Kohelet im Alten Testament wusste: Alles hat seine Zeit. Eine Zeit zum Studieren, eine Zeit, um zu feiern und eine Zeit, um zu reflektieren. Deswegen heute Episode vier meines Blogs: Boxenstopp – oder ein Zwischenfazit aus Harvard. 

Der große Knall: die Finals

„Man lebt drei Wochen in der Bibliothek, dann hat man Prüfungen und dann sind alle krank.“ So wurden mir die Finals von einem guten Freund irgendwann im Herbst beschrieben und haben bei mir – diese Beschreibung reflektierend – eher mittelmäßige Begeisterung ausgelöst. Was sind die Finals überhaupt? Finals meint in Harvard die Abschlussprüfungen vor dem Ende des Semesters. Anders als in Deutschland, wo Klausuren und Hausarbeiten meistens in den Semesterferien absolviert werden, finden die Prüfungen in Harvard in den letzten zwei Wochen des Semesters statt. Das hat einerseits zwar den Vorteil, dass die Semesterferien wirkliche Ferien sind, eine Erfahrung, die ich seit meinem Studienbeginn vor doch nun schon einigen Jahren nicht mehr gemacht habe, andererseits bedeutet das aber auch einen Workload, den ich noch nie in meinem Leben erfahren habe. Für mich bedeuteten die Finals konkret: drei Hausarbeiten à 25-30 Seiten, für die ich in Deutschland wahrscheinlich zwei Monate Zeit gehabt hätte, in zwei Wochen zu schreiben. Das klingt knackig, war es auch:  Ich habe in diesen zwei Wochen an keinem Tag weniger als zwölf Stunden in der Bibliothek verbracht, ich habe schlecht gegessen, wenig geschlafen und kaum Sport gemacht. Allnighter, literweise Kaffee und Kant-Lektüre bis zum Geht-Nicht-Mehr – all das ist der Final Lifestyle. Ich muss ehrlich sagen, dass das Ganze auch irgendwie ein lustiges Erlebnis war, weil es jedem so geht. Alle meine Freunde hatten ihre Prüfungen und befanden sich in derselben Phase, so wurde das Lernen bis spät in die Nacht auch zu einem Event, weil wir als Gruppe zusammensaßen. Gleichzeitig ist das natürlich ein Lifestyle, den man nicht auf Dauer aufrechterhalten kann und der maximal ungesund ist. Es ist sicher so, dass Studenten in Harvard zu den Menschen gehören, die sich als ehrgeizig und fleißig verstehen und diese Prüfungsphasen durchziehen. Der Druck ist aber wirklich enorm und es gehört schon auch zur Wahrheit dazu, dass, wenn man objektiv auf die Finals schaut, man schon anerkennen muss, dass Gott den Menschen sicher nicht dafür gemacht hat. 

Hinzu kommt noch die Tatsache, dass in diesen beiden Prüfungswochen die ganzen Semesterabschlusspartys stattfinden, die man sich natürlich als echter Harvard-Student nicht entgehen lassen will. Ich hatte das Glück, dass ich zu der ein oder anderen secret party eingeladen wurde, die absolut legendär ist – mehr kann ich an dieser Stelle nicht sagen – und sicherlich zu den Harvard peaks meines ersten Semesters gehört. Das bedeutete aber: work hard, play hard. Teilweise saß ich bis um 23 Uhr in der Bibliothek, um bis 3 Uhr feiern zu gehen, um wieder um 7 Uhr in der Bibliothek zu sitzen. Natürlich alles unter dem Motto: We do it for the vibes. Wie mein Freund Patrick nahezu biblisch prophezeit hat, liege ich jetzt erst mal mit einer fetten Grippe im Bett.

Und dann – Stille

Plötzlich ist alles still: der Kalender ist leer, die To-do-Liste abgearbeitet und alle Hausarbeiten abgegeben. Es ist schon verrückt, am Tag nach den letzten Finals aufzustehen und überhaupt nichts zu tun zu haben. Ohne jemals in einem Formel-1-Auto gesessen zu haben, eine Vollbremsung auf dem Nürburgring stelle ich mir genauso vor. Es ist ungewohnt, mir fällt es fast sogar schwer, keine Aufgaben erledigen zu müssen. Harvard ist eine Campusuni, das heißt, die meisten Studenten fahren in den Weihnachtsferien, die hier von Mitte Dezember bis Mitte Januar dauern, nach Hause. So konnte man in den letzten Tagen wirklich merken, wie der Campus von Tag zu Tag leerer wurde: Die Schlange bei Blank Street Coffee ist nicht mehr so lang, die Bibliothek ist nahezu ausgestorben und auch in meinem Wohnheim gibt es morgens keinen Wettkampf mehr darum, wer zuerst im Bad ist. Und auch viele meiner Kommilitonen, die wie ich International Students sind, sind in den letzten Tagen noch kurzfristig nach Hause gereist. Zu Beginn des akademischen Jahres hatte uns das Harvard International Office noch aufgrund der politischen Situation, insbesondere der Visa-Unsicherheit, davon abgeraten, über die Weihnachtstage nach Hause zu reisen, doch da sich die Visa-Lage entspannt hat, sind viele meiner Freunde über die Feiertage doch noch nach Hause gereist.

Und ich? Gerade weil ich nur ein Jahr in Cambridge sein werde, habe ich mich dazu entschieden, in den Weihnachtsferien hier zu bleiben und mir endlich mal Cambridge und Boston in Ruhe anzugucken. Wegen der Uni blieb mir in den letzten Monaten wenig Zeit mir Boston – was unfassbar viel zu bieten hat – anzugucken. In den nächsten Wochen werde ich daher den Freedom Trail, die John F. Kennedy Presidential Library und Quincy Market unsicher machen. Daneben möchte ich die vielen ungelesenen Bücher, die sich im Laufe des Semesters auf meinem Schreibtisch gestapelt haben, endlich mal lesen und vor allem die vielen Kunstmuseen in Boston erkunden. In der Vergangenheit bin ich schon mal – sicherlich auch zurecht – mit einem Augenzwinkern darauf aufmerksam gemacht worden, dass es eine fette Red Flag ist, wenn man Gustav Klimt nicht kennt. Von daher sehe ich die Weihnachtspause als Gelegenheit, um mich divers weiterzubilden. 

Und was ist mit Weihnachten? Ich gebe zu, Weihnachten ist mir als (gelegentlich frommer) Theologiestudent jedes Jahr unfassbar wichtig. Die Zeit mit meiner Familie, der Besuch der Weihnachtsmesse und das Singen von Weihnachtsliedern ist jedes Jahr ein Höhepunkt für mich. Das wird in diesem Jahr natürlich alles ein bisschen anders werden. Aber ich freue mich schon auf die Erfahrung, Weihnachten einmal ganz anders verbracht zu haben. Ich werde Weihnachten mit den Jesuiten am Boston College – der großen Jesuitenuniversität – im Süden von Boston verbringen und dort mit der dortigen Jesuitenkommunität bei sicher grandiosem Essen, guten Gesprächen und schönen Weihnachtsliedern einen einmaligen Weihnachtsabend verbringen. 

Raus aus der Harvard Bubble – Amerika entdecken

Nach Weihnachten heißt es dann raus aus der Harvard/New England Blase und raus nach Amerika. Eines der Dinge, die ich an meinen amerikanischen Freunden absolut liebe, ist, dass sie super unkompliziert sind, was das Hosten, das heißt, das gegenseitige Besuchen angeht. Während man in Deutschland gefühlt zehn Jahre befreundet und mindestens dreimal zusammen im Urlaub gewesen sein muss, haben mich viele meiner amerikanischen Kommilitonen schon nach wenigen Wochen zu sich nach Hause eingeladen. Diese Chance lasse ich mir natürlich nicht entgehen und werde im Januar daher nach Georgia, Ohio, New York und – mein persönliches Highlight – Florida reisen. Gerade wenn die Temperaturen in Harvard auf -10 bis -15 Grad fallen, erscheinen die 25 Grad in Florida als gute Abwechslung. Daneben sind die USA auch einfach ein so vielfältiges Land, dass die Erfahrungen, die ich in New England mache, schwer auf andere Gegenden der USA übertragbar sind. Deswegen gilt: ab ins Flugzeug und Land und Leute kennenlernen. In Ohio gibt es dann nochmal theologisches Futter, ganz ohne kann ich meine Ferien dann doch nicht verbringen. Dort werde ich gemeinsam mit einer Freundin aus Deutschland die SEEK Conference besuchen, eine der größten Konferenzen für Katholiken, der Trailer auf YouTube sah auf jeden Fall amerikanisch bombastisch aus. 

Daneben, und das wird sicher auch eine spannende Erfahrung, auf die ich mich jetzt schon freue, bekomme ich im Januar zum ersten Mal von meiner Familie Besuch. Mein Vater wird mich im Januar für einige Tage in Boston besuchen und ich freue mich jetzt schon riesig, all meine Orte, die er nur aus unseren morgendlichen FaceTime-Telefonaten kennt, zu zeigen und ihn an meine Lieblingsorte mitzunehmen. Ein Cappuccino bei Faro Coffee und ein Spaziergang am Charles River sind hier ein absolutes Muss. 

Alles hat seine Zeit

Alles hat seine Zeit: Eine Zeit zum Studieren und eine Zeit, um durchzuatmen. Wie in der Formel 1 üblich ist, ist der Boxenstopp kein Ende; er ist auch keine Halbzeit wie im Fußball, wo das Spiel komplett unterbrochen wird. Der Boxenstopp ist vielmehr die Gelegenheit, kurz Luft zu holen, nachdem das Rennen nun schon einige Zeit läuft. Genauso verstehe ich meine Ferien in Harvard. Keine komplette Pause meines Lebens hier, sondern vielmehr eine Möglichkeit, Luft zu holen und eine andere Perspektive einzunehmen. 

Der Boxenstopp ist auch noch nicht der richtige Moment, um schon ein Fazit über das Rennen, respektive meine Zeit in Harvard, zu ziehen. Alles hat eben seine Zeit. Bis jetzt kann ich nur sagen: Harvard ist und bleibt der schönste Ort der Welt. Bis zum nächsten Mal. 

See Ya.

Hast du noch Fragen?

Mehr zu #Finanzierung

  • Ein Rückblick auf meine Zeit in Newcastle

    Ein Rückblick auf meine Zeit in Newcastle

    Von Brezeln zu Fish & Chips, mein Auslandssemester in Newcastle hat mir nicht nur neue Freundschaften, spannende Uni-Erfahrungen und verrückte Nächte beschert, sondern auch eine neue Sicht aufs Leben. Wie es war, alleine im Ausland zu leben, zu studieren und den britischen Vibe aufzusaugen, erzähle ich hier.

  • „studieren weltweit – der Podcast“

    „studieren weltweit der Podcast“

    Einmal rund um den Globus mit sieben ehemaligen Correspondents der Kampagne „studieren weltweit – ERLEBE ES!“ und Moderatorin Lene. In unserer 2. Staffel von "studieren weltweit – der Podcast" berichten Studierende von ihren unvergesslichen Abenteuern und Herausforderungen im Ausland. Egal ob Cambridge oder Tbilisi, erfahrt aus erster Hand, wie es ist, fernab der Heimat zu studieren, persönliche Hürden zu überwinden, mit Schicksalsschlägen umzugehen und an den Erlebnissen zu wachsen.

  • 10 Tipps und Tricks für deinen nächsten Aufenthalt in Valencia.

    Auf TikTok abspielen
    In diesem Bild siehst du mich auf einem Stuhl sitzen. Ich halte ein Mikrofon in der Hand und rede über Tricks und Tipps zum Leben in Valencia in die Kamera.
    Darin

    Darin / Spanien

    Solltest du nach Valencia ziehen oder einfach nur kommen um Urlaub zu machen, habe ich hier 10 essentielle Tipps und Tricks für dich, die dir dein Leben einfacher machen werden.

Video aktivieren

Zum Aktivieren des Videos klicke bitte auf "Video laden". Wir möchten dich darauf hinweisen, dass nach Aktivierung Daten an YouTube übermittelt werden. Mehr dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Du kannst deine Einwilligung zur Übermittlung von Daten jederzeit widerrufen.

Auf Instagram abspielen

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Video aktivieren

Zum Aktivieren des Videos klicke bitte auf "Video laden". Wir möchten dich darauf hinweisen, dass nach Aktivierung Daten an YouTube übermittelt werden. Mehr dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Du kannst deine Einwilligung zur Übermittlung von Daten jederzeit widerrufen.

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Auf TikTok abspielen

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt