16. Oktober 2025
Unter getting the scoop verstehen die Amerikaner das Zurechtfinden in einem neuen Kontext. Wie ich mich in Harvard eingelebt habe und wie mein Alltag aussieht, erzähle ich euch in dieser Episode meines Blogs.
„Hältst du die Ordnung, hält die Ordnung dich.“ Dieser Satz des Mönches Bernhard von Clairvaux zeigt, dass der Alltag – auch wenn er oft als routiniert und eintönig empfunden wird – auf ganz eigene magische Weise wirken kann. Nach nun knapp zwei Monaten in Harvard hat mich der Alltag eingeholt. Für den einen oder anderen mag sich das langweilig anhören, aber ich bin ein Gewohnheitstier. Eine kontinuierliche Routine mit den gleichen Abläufen, mit kleinen Ritualen und festen Zeiten hilft mir nicht nur dabei, mich an einem Ort wohlzufühlen, sondern hilft mir auch, produktiv zu sein und meine Aufgaben und Herausforderungen zu bewältigen. Doch wie sieht so ein Alltag in Harvard aus? Wie verbringe ich meine Tage? Und was mache ich außerhalb der Uni? Wie jedes Mal habe ich euch, der jesuitischen Tradition folgend, drei Eindrücke aus meinem Alltag mitgebracht. Heute Episode 2: Getting the scoop – der Alltag in Harvard.
1) Mein neues Zuhause: die Bibliothek
Wenn es einen Ort gibt, in dem ich in den letzten Wochen am meisten Zeit verbracht habe, dann ist es die Bibliothek. Mit einigen Freunden habe ich neulich den Witz gemacht, dass es sich für uns lohnen könnte, Schlafsäcke mit in die Bibliothek zu nehmen – so viel Zeit, wie wir dort verbringen.
Ein full course load entspricht vier Kursen, das heißt vier Vorlesungen oder Seminare à zwei Stunden. Was auf den ersten Blick – im Vergleich zu Deutschland, wo ich zehn bis zwölf Veranstaltungen die Woche hatte – nach einem entspannten Alltag klingt, ist auf den zweiten Blick ein anspruchsvolles Studium, denn die meiste Zeit des Studiums verbringt man im Selbststudium und das heißt für mich als Theologe: Lesen. Normalerweise habe ich pro Woche um die 500 Seiten zu lesen, in manchen Fällen können es bis zu 1000 Seiten sein. Mein Alltag besteht daher meistens aus langen Tagen in der Bibliothek, an denen ich mich durch philosophische, politische oder theologische Texte lese bzw. kämpfe. Gerade als internationaler Student war das für mich zu Beginn eine echte Herausforderung, da ich im Englischen nicht so schnell lesen kann wie im Deutschen.
Das normale Pensum ist schon herausfordernd genug, aber aktuell laufen die Midterms. Man denke sich hier bitte eine dramatische Pause. Der Name Midterms bezieht sich auf die Prüfungsphase, die in der Mitte des Semesters ansteht – wobei Mitte des Semesters hier weit interpretiert wird. Für meine Kurse gilt daher, dass ich Hausarbeiten abgeben muss, die circa 20% meiner Note ausmachen. Was man in Deutschland normalerweise in den Semesterferien schreibt, wenn man keine Vorlesungen hat, macht man in Harvard mal eben in einer Woche, während des normalen Universitätsalltags. Wohlgemerkt haben die Professoren immer den Anspruch, dass wir Studenten akademisch qualitativ hochwertige Beiträge abgeben.
Und noch etwas gehört zum Unialltag dazu: Man kann immer mehr machen. Während ich es in Deutschland immer gewohnt war, zuerst meine Aufgaben fertigzumachen, bevor ich mich mit Freunden getroffen habe oder mein Privatleben gelebt habe, lernt man in Harvard schnell, dass man immer mehr studieren kann. Ich kann immer noch mehr lesen, noch mehr Texte schreiben oder noch mehr Vorträge hören. Teilweise habe ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich schon um 21 Uhr die Bibliothek verlasse, weil noch unzählige Menschen dort sind und lernen. Wenn man so viele smarte Menschen um sich herum hat, die alle fleißig und produktiv sind, erhört das zumindest bei mir unterbewusst den Druck, auch produktiv zu sein und immer mehr zu machen. Es ist schlichtweg so, dass niemand zu einem kommt und sagt: „Mach doch mal eine Pause.“ Man muss sich selbst diese Momente gönnen. Das gelingt mir bis jetzt immer noch nicht so gut, ist aber sicher Übungssache.
2) Das Leben auf dem Campus
Harvard ist eine Campusun. Anders als in Deutschland, wo die Universitätsgebäude in vielen Städten über die ganze Stadt verteilt sind, spielt sich das Leben in Harvard auf dem Campus ab. Hier studiere ich, hier gehe ich zum Sport, hier esse ich, hier schlafe ich. Eine Freundin aus Deutschland sagte mir, bevor ich nach Harvard ging, dass sie in ihrem ersten Semester den Campus nur dreimal verlassen hat. Was mir damals als total verrückt vorkam, ist jetzt mein Alltag. Seit das Semester richtig angefangen hat, habe ich den Campus bisher einmal richtig verlassen. Das Besondere ist: Es kommt mir dabei überhaupt nicht einschränkend vor. Gerade weil man mit Menschen aus der ganzen Welt zusammen studiert und daneben unzählige Freizeitangebote hat (Sport, Museen, Entertainment), hat man eigentlich keinen Grund, den Campus zu verlassen. Man kann das sicher kritisieren, weil es natürlich schon zu einer Bubble führt, bisher habe ich es aber als sehr bereichernd wahrgenommen. Das Beste ist vor allem, dass alle meine Freunde so nah zusammenwohnen. Ich treffe meine Freundin Grace zwischen den classes im Harvard Yard oder verabrede mich mit meiner Mitbewohnerin Hanan abends spontan zum Abendessen. All das ist ohne Probleme möglich, weil sich das Leben auf dem Campus abspielt.
Was ich mir daneben angewöhnt habe: Ich gehe jeden Tag mit einer neuen Person Kaffee trinken. In meiner letzten Kolumne habe ich erwähnt, dass der größte Anziehungspunkt an Harvard die unterschiedlichen Menschen mit ihren spannenden Geschichten sind. Deswegen treffe ich mich jeden Nachmittag mit einer neuen Person bei meinem Lieblingskaffee: faro coffee – mittlerweile kennen mich die Baristas dort schon. Die Möglichkeit, die spannenden Geschichten von anderen Menschen zu hören, über ihre Talente und Leidenschaften etwas zu erfahren und ihren persönlichen Lebensweg kennenzulernen, ist für mich oftmals das Highlight meines Tages.
3) Und was ist mit Freizeit? Mein social life
Wer bis hierhin gelesen hat, wird sich wahrscheinlich schon denken, dass neben dem Unipensum gar nicht mehr so viel Zeit für Freizeit bleibt. Unter Harvard-Studenten erzählt man sich den Witz, dass ein Harvard-Student drei Sachen möchte: gute Noten, ein soziales Leben und Schlaf. Man kann aber immer nur zwei Sachen haben. Ich entscheide mich aktuell für ein soziales Leben und gute Noten. Mein Schlafrhythmus wird wie auch schon im September immer noch stark in Mitleidenschaft gezogen. In meiner Freizeit unternehme ich viel mit meinen Freunden, die ich hier kennengelernt habe. Sei es bei Kochabenden, Ausflügen ins Museum oder bei Barabenden bei Felipes – einer Harvard Kultinstitution. Hier machen es die Amerikaner einem einfach, neue Leute kennenzulernen. Die Offenheit und Selbstverständlichkeit, mit denen ich von meinen Freunden hier zu Geburtstagen und Partys eingeladen worden bin, sind einfach großartig und wären in Deutschland unvorstellbar. Das ist an manchen Stellen sicher etwas oberflächlich, aber wenn man das im Hinterkopf behält, kann man hier viele tolle Menschen kennenlernen. Daneben habe ich mich, wie es sich für einen jungen Menschen gehört, der auf seine quarter life crisis zugeht, zu einem Halbmarathon angemeldet und trainiere aktuell fleißig auf dem Harvard running track, um bei dem Rennen nicht vollkommen abzuschmieren. In den nächsten Wochen möchte ich zudem noch einige neue Sachen ausprobieren, gerade im Sportbereich kann man in Harvard wirklich alles machen. Ich habe zum Beispiel vor, mein erstes Polospiel zumindest als Zuschauer zu besuchen.
Und Partys? Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mein gesamtes Wissen über amerikanische Universitäten und das dortige social life aus amerikanischen Filmen hatte. Viele meiner amerikanischen Freunde erzählen mir auch, dass das party life an vielen Universitäten und Colleges so ist wie in den Hollywood-Blockbustern. In Harvard ist es allerdings ein bisschen anders. Versteht mich nicht falsch, es gibt hier durchaus die ein oder andere Studentenparty, gerade in den final clubs oder bei den undergrad associations. Und auch vor den Footballspielen gibt es das legendäre tailgating – eine Veranstaltung, bei der man vor dem Footballstadium zu lauter Musik trinkt und feiert. Insgesamt hält sich die Partykultur in Harvard in Grenzen, gerade wenn man es mit anderen Universitäten vergleicht, die zumindest unter meinen amerikanischen Freunden dafür bekannt sind, eine große Partyszene zu haben.
Getting the scoop
Nach knapp 8 Wochen in Harvard kann ich für mich feststellen, dass ich den Harvard Scoop mittlerweile gut herausgefunden habe. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht im Harvard Yard einen Freund oder eine Freundin treffe, an dem ich nicht an meinem Stammplatz in der Bibliothek lerne oder an dem ich nicht bei Faro Coffee meinen Cappuccino trinke. Dabei bleibt jeden Tag ein unfassbares Glücksgefühl, weil ich jede Sekunde in Harvard als Privileg ansehe und sie unfassbar genieße. Es ist und bleibt der schönste Ort der Welt für mich! Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Bis zum nächsten Mal.
See ya!





