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Master Arbeit in Quarantäne: Zeit für Produktivität?!

Master Arbeit in Quarantäne: Zeit für Produktivität?!

„Durch Corona hast du doch jetzt ganz viel Zeit, um dich auf deine Arbeit zu konzentrieren!“ Ja wenn es mal so einfach wäre! Keine Ablenkung durch Freunde, Partys oder Reisen, einfach im Tunnelblick zu Hause am Schreibtisch sitzen und schreiben. Aber was tun wenn genau das Gegenteil der Fall ist und man sich plötzlich zu gar nichts mehr motivieren kann?

Von zerschlagenen Plänen

Bevor ich nach Mexiko kam, hatte ich einen genauen Plan. Für mein Masterstudium, sowie auch für die Bewerbung für das HAW Stipendium musste ich mir bereits genau überlegen, wie ich die Masterarbeit in Mexiko in Angriff nehmen wollte, inklusive Zeitplan und Meilensteinen. Ein wichtiger Bestandteil meiner Forschung und ausschlaggebend für meinen Auslandsaufenthalt war die geplante Feldstudie in Matehuala, einer Stadt circa 2 1/2 Stunden mit dem Auto von San Luis entfernt.

In Matehuala gab es im Mai 2019 Überflutungen nach einem Starkregen, die massive Schäden in der Stadt verursacht haben. Da ich mich im Laufe meines Masterstudiums immer mehr mit Umweltrisiken beschäftigt habe, lag es nah, für die Abschlussarbeit diese Stadt als Fallstudie für eine Risikoanalyse zu nehmen. Ziel meiner Arbeit ist es, herauszufinden wie Gefahr, Exposition und Vulnerabilität im Fall von Matehuala zusammenwirken und wie sich das daraus zusammensetzende Risiko im Bezug auf Sturzfluten innerhalb der Stadt räumlich verteilt.

In diesem Zusammenhang hatte ich geplant, in Matehuala Interviews mit der Bevölkerung und dem Zivilschutz durchzuführen sowie das Einflussgebiet zu besichtigen. Die räumliche Analyse wollte ich im Anschluss mit Unterstützung meiner Betreuer der UASLP im Labor der Fakultät machen. Leider kam es dazu nie.

Wie in meinem Beitrag zur Corona-Krise in Mexiko beschrieben, wurde das Land kaum eine Woche nach meiner Ankunft in den Ausnahmezustand versetzt. Lediglich ein Mal habe ich mich mit meiner Betreuerin treffen können, um unsere Pläne zu besprechen. Danach wurde die Uni geschlossen und die Reise in andere Städte verboten. Jetzt bin ich also auf mich allein gestellt. Die Interviews müssen ausfallen, die Arbeit über Matehuala muss ich schreiben, ohne jemals dort gewesen zu sein, und meine Betreuer kann ich nur noch per Mail oder Telefon erreichen.

Im Motivationsloch

Dass sich meine Pläne für das Auslandsstudium so drastisch ändern würden, hat mich ganz schön aus der Bahn geworfen und ich bin noch immer ständig dabei mich auf die neue Situation einzustellen, anzupassen und weiterzukommen. Dass ich hier in Mexiko allein in einer Wohnung lebe, macht es auch nicht gerade einfacher. Wenn man den ganzen Tag allein zu Hause verbringt, verschwimmt irgendwann die Zeit und alles aus der „Außenwelt“ wird auf einmal so abstrakt, so wie meine Masterarbeit zum Beispiel.

An manchen Tagen verbringe ich die gesamte Zeit nur damit, „mich am Leben zu halten“, das heißt, mit kochen, essen, Wäsche waschen, aufräumen, putzen, … und auf einmal ist der Tag vorbei und ich war noch nie gleichzeitig so produktiv wie unproduktiv. Irgendwie ist alles in dieser Zeit anstrengend. Zum Beispiel, so viel Zeit, mit mir allein zu verbringen. Eine tolle Challenge, um Selbstliebe und Achtsamkeit zu üben, sich besser kennenzulernen und anzufangen zu meditieren. Ist aber auch gar nicht so einfach. Anfangs war ich schon davon genervt jeden Tag Hunger zu haben und „ständig“ einkaufen und Essen zubereiten zu müssen. Warum ist mein Körper so bedürftig? Nervig. Ständig wurde ich durch irgendetwas von meiner Arbeit abgelenkt und konnte mich tagelang überhaupt nicht konzentrieren. Dadurch kam natürlich ein wachsendes schlechtes Gewissen und noch mehr Druck, besser mit der Situation umzugehen und produktiver zu sein.

Heraus aus dem Loch?

Mittlerweile bin ich dabei eine Art Kompromiss zu finden: Wege, produktiv sein zu können und meine Pflichten zu erfüllen und gleichzeitig zu akzeptieren, dass es eben manchmal nicht so läuft, ich einfach überwältigt bin und nicht so produktiv sein kann, wie ich mir das vorstelle. Ich bin ein Mensch, der es gewohnt ist, zum Lernen oder arbeiten die Wohnung zu verlassen und in der Bibliothek oder im Café in den Produktionsfluss zu kommen. Am liebsten schließe ich mich dabei mit Kommilitonen zusammen, um sich gegenseitig zu motivieren und sich über den Stoff auszutauschen. Außerdem geht es wohl jedem so, dass man einen Ausgleich zur Arbeit braucht. Aber alle Beschäftigungen, die man zum perfekten Ausgleich so im Repertoire hat, sei es Sport, Freunde treffen, tanzen gehen oder Ausflüge machen, fällt jetzt eben weg. Also heißt es kreativ werden!

Spazieren gehen, Fahrrad fahren, und auch mal Besuch haben – so ist wieder ein bisschen Ruhe in meinem Kopf eingekehrt. Ich beschränke mich momentan auf  drei bis vier Kontakte, die ich ab und zu sehe: zwei Kommilitonen und eine Freundin samt Kind. So muss ich nicht vereinsamen und kann auch mal mit jemandem zusammen am Tisch sitzen und arbeiten. Diese Mischung aus Bewegung, frischer Luft und vereinzelten sozialen Kontakten ist vielleicht nicht die optimale Lösung, wenn man jegliches Risiko vermeiden möchte, aber es ist mein persönlicher bestmöglicher Kompromiss. Je nach dem wie die Lage sich weiterentwickelt, werde ich wahrscheinlich die gesamte Masterarbeit in „Quarantäne“ (nicht im streng genommenen Sinn) verbringen und auch die Verteidigung virtuell bestreiten müssen. Aber bis dahin versuche ich, optimistisch zu bleiben und mich an den kleinen Dingen zu erfreuen 🙂

 

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