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Nachhaltig Leben im Auslandssemester – erstes Fazit nach 4 Wochen

Nachhaltig Leben im Auslandssemester – erstes Fazit nach 4 Wochen

Will mit kleinen warmen Schritten auf dem Pfad der Nachhaltigkeit gehen. Will in einen frischen Apfel vom Markt beißen, anstatt mir einen aus der Sechser-Plastikpackung aus dem Supermarkt zu pulen. Will über den Flohmarkt schlendern und alte Schätze finden. Will nach langen Zugfahrten das Gefühl von Weite spüren.

Ich wollte hier eigentlich etwas über Nachhaltigkeit schreiben. Warum ich mir für das Auslandssemester vorgenommen habe, besonders nachhaltig zu leben. Warum ein nachhaltiger und umweltbewusster Lebensstil für mich wichtig ist. Und was ich in den ersten Wochen hier in Lissabon in Bezug auf Nachhaltigkeit schon umgesetzt habe. Wenn ich gerade nicht am Laptop tippen würde, würde ich sagen, ich habe etliche angefangene Texte zusammengeknüllt und in die Ecke geworfen. Alles klang so klischeehaft, schon tausendmal gehört und nachgebetet, brav aufgesagt und unecht. Ja, mir ist ein nachhaltiger Lebensstil wichtig. Und ja, ich denke, es ist wichtig, dafür ein größeres Bewusstsein zu schaffen und mit kleinen Schritten voranzugehen. Aber je mehr ich mich mit dem Thema befasse, desto größere Schritte will ich und desto deprimierter werde ich, weil ich hier nach vier Wochen viel weniger nachhaltig lebe als ich mir vorgenommen hatte.

Erstmal den Alltag schaffen

Ich hatte mir das Ganze einfacher vorgestellt. Ich glaube, ich habe unterschätzt, wie viel Energie und Zeit am Anfang eines Auslandssemesters schon die kleinsten Dinge einnehmen. Den Weg zur Uni finden. Das Metro-Monatsticket kaufen. Zimmer einrichten. Menschen kennenlernen. Alles Neue verarbeiten. Habe unterschätzt, wie sehr der Kopf mit anderen Sachen beschäftigt ist und dass einem die Zeit nur so durch die Finger rinnt. Umso mehr ist mir bewusst geworden, dass ein umweltbewusster Lebensstil nicht einfach so nebenher laufen kann. Sondern dass man da aktiv Energie reinstecken muss – gerade in einer neuen Umgebung, in der alles fremd ist. In Deutschland hatte ich meine nachhaltige Routine, kannte Biosupermärkte und Secondhandläden und wusste, wann wo welche Märkte stattfinden. Hier war ich erstmal froh, einen einigermaßen guten Supermarkt in der Nähe gefunden zu haben, der Linsen im Sortiment hat und Obst ohne Plastik.

Obststand in der Stadt.
Obststände gibt es in Lissabon an jeder Ecke.

Alte Muster und neue Pfade

Mehr denn je wird mir hier bewusst, dass der nachhaltige Weg nicht der einfache ist – auf jeden Fall nicht der gemütlichste. Er ist nicht der Weg, den man in einem neuen Land automatisch einschlägt und der schon vorgezeichnet ist. Manchmal ärgert mich das: wie schwer es in unserer Gesellschaft doch ist, ein Leben zu führen, das im Einklang mit der Natur, nachhaltig und ethisch ist. Und wie gefangen auch ich in Konsum-Mustern bin, wie schnell ich in neuen Situationen in sie zurückfalle, weil sie einfach sind. Es war einfach, nach Lissabon zu fliegen, im Supermarkt einzukaufen und Ausflüge mit dem Auto mitzumachen. Und obwohl mir viele Sachen, die noch vor Jahren mein Leben erfüllt haben – shoppen, essen gehen, feiern, konsumieren – nicht mehr so viel Spaß machen, mache ich hier all das, teils aus alter Gewohnheit, teils durch so was wie „Gruppenzwang“.

Ja, die ersten Wochen im Auslandssemester sind neu und viel und lassen kaum Raum zum Denken. Man lässt sich von Erlebnis zu Erlebnis treiben und das hat seinen ganz eigenen Reiz. Getrieben hat es mich in den ersten Wochen auch immer wieder in die Natur. Dort hatte ich die nachhaltigsten und schönsten Erlebnisse – zeitlose Momente, die ganz tief in mich rein gingen. Und seitdem begreife ich nochmal in einer anderen Tiefe, was für eine große Bedeutung es doch hat, diese Natur zu schützen und für andere Generationen zu erhalten. Die Erlebnisse weisen mich ganz deutlich auf den Pfad der Nachhaltigkeit zurück, auf dem ich mir vorgenommen hatte, mit kleinen warmen Schritten zu gehen.

Die Wärme ist jetzt nur noch stärker spürbar. Und deswegen will mich in den nächsten Wochen auf den Weg machen und neue Pfade erkunden: Märkte besuchen, möglichst wenig und wenn dann Secondhand konsumieren, will nicht fliegen, sondern mit Bus und Bahn das Land erkunden und ganz viel campen gehen und raus aus der Stadt. Ich will hier vor Ort erforschen, was es in Portugal und Lissabon an Infrastruktur und an Möglichkeiten gibt, ein nachhaltiges Leben umzusetzen. Und so Schritt für Schritt meine eigene Balance in einem nachhaltigen Lebensstil in Lissabon finden.

Philosophieren über Zeit und Nachhaltigkeit 

Um mir hier einen nachhaltigen Lebensstil aufzubauen, will ich mir Zeit geben. Gleichzeitig will ich mein allgemeines Verhältnis zur Zeit neu denken und verändern. Ich glaube, ich habe kein gutes Verhältnis zur Zeit. Ich bin mir bewusst darüber, dass Zeit nur eine Illusion ist, dass das, was existiert, immer nur der gegenwärtige Moment ist, den wir niemals greifen können. Trotzdem stresst mich die Illusion der Zeit. Trotzdem fällt es mir schwer, Raum für Unproduktives zuzulassen, Zeit zu „verschwenden“, wohl wissend, dass Zeit nicht verschwendet werden kann. Aber in unserer schnelllebigen Gesellschaft hat alles einen „Zeit-Wert“. Alles hat ein Ablaufdatum, alles wird in Zeit bemessen, auch unser Leben. Dabei sind es doch gerade die zeitlosen Momente, die wir suchen, die Momente, in denen die Zeit verschwindet. Ein nachhaltiger Lebensstil kostet Zeit. Ein nachhaltiges Leben kostet Zeit. Zum Markt zu gehen kostet Zeit, den Biosupermarkt zu finden kostet Zeit, mit dem Zug zu fahren kostet Zeit, sich zu informieren kostet Zeit. Aber ich will hier gerade die Sachen lieben lernen, die Zeit kosten. Und wo könnte ich das besser lernen als hier in Lissabon, wo ich das Gefühl habe, dass die Zeit viel langsamer läuft.

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