2. Dezember 2025
Das Online Learning Agreement gibt einem gerne das Gefühl, als hätte man den genauen Fahrplan für das, was kommt, schon in der Tasche. Doch viele Kurse existieren nur auf dem Papier, verschieben sich kurzfristig oder werden ganz gestrichen. In diesem Beitrag erzähle ich, was ich erst in Athen gelernt habe und warum es wichtig ist, flexibel zu bleiben und Plan A, B und C mitzudenken.
Studieren in Athen. Ein Alltag, den ich so nicht erwartet hatte.
Genau hier beginnt der Teil, der viele Erasmus-Studierende überraschen wird: Die Kurse, die ich im Online Learning Agreement komplett durchgeplant hatte, existierten vor Ort teilweise gar nicht, wurden verschoben oder entsprachen nicht den Beschreibungen.
Ich studiere Lehramt an der National and Kapodistrian University of Athens (NKUA), am Department of Primary Education, also der Fakultät für Grundschulbildung. Es ist durchaus möglich, dass du hier auch Kurse aus niedrigeren Semestern belegst.
In Athen sieht mein Unialltag ganz anders aus, als ich es erwartet habe. Schon der Weg zur Uni zeigt, dass sich meine Vorstellung einer „griechischen Uni“ nicht unbedingt mit der Realität deckt. Meine Metrostation heißt Panepistimio, was übersetzt tatsächlich „Universität“ bedeutet. Wenn man aus der roten Linie aussteigt, steht man direkt vor drei beeindruckenden, historisch wirkenden Gebäuden.
Mein eigentliches Unigebäude in dem meine Seminare (mehr oder weniger) stattfinden, liegt aber noch etwa zehn Minuten zu Fuß entfernt, mitten in der Stadt:
13Α, Navarinou Str., 10680 Athens (Ground floor).
Es ist deutlich schlichter und kleiner, als man sich eine Großstadt-Universität in Athen vielleicht vorstellt.
Horror Szenario: Das Online Learning Agreement
Bevor ich in Athen landete, fühlte ich mich dank meines Online Learning Agreements (OLA) richtig sicher: 50 Credit Points standen fest, verteilt auf 10 ausgesuchte Kurse, die perfekt in mein Lehramtsstudium passten. Doch schon in den ersten Tagen vor Ort wurde klar: Viele dieser Kurse existierten so nicht, wurden nicht mehr angeboten oder fanden in ganz anderen Formaten statt, als im OLA beschrieben. Manche Kurse standen lediglich als Titel im System; ohne Dozierende, ohne Zeiten, ohne Literaturempfehlungen.
Ich war gezwungen, meinen gesamten Studienplan neu zu gestalten und habe letztlich 20 Credit Points erreicht, was lediglich vier Kursen entspricht, die den Anforderungen der Erasmus+-Förderung gerade noch genügen. Für alle, die ihr Auslandssemester planen: Das OLA gibt leider nicht automatisch Sicherheit. Vieles entscheidet sich erst, wenn man vor Ort vor dem realen Kursangebot steht.
Strukturelle Organisation der Kurse, wenig Orientierung, dafür viel Eigenarbeit.
Was mich auch noch überrascht hat, ist die gesamte strukturelle Organisation der Kurse an meiner Gastuni. Viele Veranstaltungen haben keine klaren Semesterpläne, keine regelmäßigen Updates und teilweise nicht einmal fest eingetragene Zeiten oder Räume. Dozierende nutzen unterschiedliche Informationswege, manche kommunizieren per E-Mail, andere über interne Plattformen, wieder andere gar nicht. Für mich als Erasmus-Studierende bedeutet das, dass ich mir vieles selbst zusammensuchen muss und oft nicht weiß, ob eine Veranstaltung überhaupt stattfindet.
Zudem gibt es Kurse, die überhaupt keinen begleitenden Seminarbetrieb haben. Statt kontinuierlicher Lehre besteht mein Studium größtenteils aus Selbststudium, dem Lesen von Texten (sofern welche zugänglich sind) und dem Schreiben umfangreicher Essays. Meine Prüfungsleistungen umfassen 3.000 bis 5.000 Wörter pro Kurs.
Der Alltag wirkt dadurch weniger wie ein traditionelles Semester mit festem Stundenplan, sondern eher wie eine Kombination aus selbstständiger Arbeit und gelegentlichen Abgabeterminen. Für einige Personen mag dies angenehm sein; für andere, wie mich, erscheint es jedoch rasch unstrukturiert und bedauerlicherweise wenig studienförderlich.
Stressfaktoren
Wenn du ein Auslandssemester planst, gibt es ein paar Dinge, die dir vorher niemand sagt. Wichtig ist mir an dieser Stelle: Das sind meine persönlichen Erfahrungen. Ich kann nur das schildern, was ich selbst erlebt habe. Das bedeutet nicht, dass es bei dir genauso sein wird.
Schon bei der Planung musst du viele Fristen einhalten, Formulare ausfüllen und ständig zwischen deiner Heim- und Gastuniversität kommunizieren. Kaum bist du im Gastland gelandet, geht die Reise im Kopf erst richtig los. Mach dir klar, dass eine ordentliche Portion Selbstorganisation auf dich warten kann.
Ich sage manchmal scherzhaft, dass ich in Athen ein fünftes Seminar belege, das den Titel „Selbstorganisation“ trägt. Und ehrlich gesagt beschreibt das die Situation ziemlich genau. Du wirst lernen, eigenständig an alle Aufgaben zu denken: E-Mails zu verfassen und korrekt zu formulieren, Informationen aktiv einzuholen, mit Veränderungen umzugehen und Lösungen zu finden, wenn etwas nicht wie geplant verläuft.
Warum ein Auslandssemester trotz aller möglichen Hindernisse trotzdem wichtig für dich ist.
Du merkst hier schnell, dass Uni im Ausland ganz anders funktioniert und trotzdem wächst du genau daran. Du lernst, nachzuhaken, für dich einzustehen und Lösungen zu finden, auch wenn es gerade chaotisch ist.
Du erlebst ein anderes Bildungssystem, andere Lernkulturen und Menschen, die Schule und Unterricht völlig anders denken als du. Und das verändert deinen Blick auf dein eigenes Studium und deine Einstellung. Vor allem als Lehramtsstudent merkst du, wie viel es bringt, selbst mal die Rolle der „sprachlich unsicheren Person“ zu schlüpfen, weil du später genau solche Schüler im Klassenzimmer haben wirst.
- Du lernst, Verantwortung für dich selbst zu übernehmen, bevor du sie für eine Klasse übernimmst.
- Sprachsensibler Unterricht beginnt damit, dass du weißt, wie schwierig Sprache manchmal sein kann.
- Du verstehst Unterricht in Deutschland besser, wenn du Bildung einmal außerhalb kennengelernt hast.
- Eine gute Lehrkraft kennt nicht nur ihr Fach, sondern auch die Welt dahinter.
Und diese Erfahrung nimmst du mit. In dein Studium, in deinem späteren Lehrerzimmer und in jede Klasse, die du irgendwann begleiten wirst.
Aber trotzdem, bin ich super froh, dass ich meine Perspektive auf Bildung erweitern konnte.
„Wer anderen die Welt erklären will, muss selbst dagewesen sein.“ Du wirst nur schlauer durch das Auslandssemester und kannst am Ende selbst sagen, ob du die Erfahrung behalten möchtest oder nicht. Hab Mut im Ausland zu studieren!
Falls etwas bei dir während der Planung oder im Ausland nicht so läuft wie du es dir vorgestellt hast, dann schreib mir gerne. Mir persönlich, hat es immer enorm geholfen, dass ich mich mit anderen auszutauschen konnte, die das auch schon durchgemacht haben.










