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„Irgendwie bin ich noch immer in Spanien“ – Ortswechsel in Coronazeiten

„Irgendwie bin ich noch immer in Spanien“ – Ortswechsel in Coronazeiten

Ein Interview mit Rafael, Student der deutsch-spanischen- Rechtswissenschaft. Der 24-jährige Hamburger ist Anfang September nach Sevilla gekommen. Vier Semester wollte er dort verbringen… dann kam alles etwas anders.

Rafael, ordne das bitte noch einmal für uns ein: Wie ist dein Studiengang aufgebaut?

Der deutsch-spanische Bachelorstudiengang in Rechtswissenschaft wird von der Universität Bayreuth und der Universidad Pablo de Olavide in Sevilla angeboten. Die ersten vier Semester verbringen die Studierenden jeweils an ihrer Heimatuniversität, für die restlichen vier Semester geht es dann ins Ausland. Als sich abzeichnete, dass dieses Semester digital stattfinden würde, wurde uns freigestellt, nach Sevilla zu reisen oder am PC von Deutschland aus teilzunehmen. Manche meiner Kommilitonen sind daher gleich in der Heimat geblieben.

Du hast dich aber dazu entschieden, nach Sevilla zu kommen. Wieso?

Ich hatte mich schon sehr lange auf Sevilla gefreut und da war mir klar, dass ich es zumindest versuchen wollte. „Im Ausland studieren, aber nicht im Ausland sein … morgens in Hamburg aufstehen, spanische Vorlesungen hören und nachmittags wieder durch Hamburg spazieren … das kann es doch nicht sein“, dachte ich.

Und du hast auch einen persönlichen Hang zur Stadt…

Absolut! Sevilla ist für mich wie eine zweite Heimat. Zu Schulzeiten habe ich hier ein Auslandsjahr verbracht und mich sofort in die Stadt verliebt: Warme Sommernächte – selbst im Winter – und diese Wärme erstreckt sich auf alle Lebensbereiche. Das Leben findet auf den Straßen statt, man geht abends mit Freunden essen, sitzt am Fluss – es herrscht eine gewisse Leichtigkeit. Ich denke oft und gerne daran zurück.

Junger Mann sitzt am Flussufer und spielt Gitarre. Brücke im Hintergrund.
Rafael spielt Gitarre am Fluss Guadalquivir. Quelle: privat.

Was ist dir da besonders in Erinnerung geblieben?

Vor allem die Altstadt, die ja ein typisches Postkartenmotiv ist; mit sehr prächtiger Architektur und Pferdekutschen, die von der Kathedrale aus ihre Runden durch das Stadtzentrum drehen. Und auch drumherum gibt es lebendige Ausgehviertel wie zum Beispiel Triana, die Alfalfa, oder die berühmte Alameda de Hércules im Norden der Altstadt, um nur ein paar zu nennen. Mein persönlicher Lieblingsort ist aber der Skatepark direkt am Fluss, abends eine Art Szenetreff. Damit verbinde ich viele schöne Erinnerungen, vermutlich weil ich dort so viele tolle Menschen kennengelernt habe.

Junger Mann mit beiger Hose springt gerade auf dem Skateboard von einem weißen Betonklotz.

Rafael auf dem Skatepark nahe der Plaza de Armas („Platz der Waffen“). Aufgenommen im Sevilla-Urlaub 2015. Quelle: privat.

Jetzt ist Spanien besonders hart von der Corona-Pandemie betroffen. Bis heute gibt es über 1,5 Millionen Infizierte. Wie ist das Lebensgefühl während der Pandemie?

Küsschen links und rechts und viel Körperkontakt – das ist typisch spanisch. Aber jetzt ist es – verständlicherweise – weniger geworden. Manch einer macht es noch, aber auch der internationale Ellenbogengruß ist üblich.

Die ersten beiden Monate meines Aufenthalts gab es im Vergleich zu heute noch recht milde Einschränkungen. Als ich Anfang September nach Sevilla kam, hatten Bars und Restaurants immerhin noch bis 1 Uhr nachts geöffnet … kurze Zeit später mussten sie um 22 Uhr schließen … mittlerweile sogar schon um 18 Uhr.

Und das ist nicht gerade kompatibel mit den spanischen Ausgehgewohnheiten. In pandemiefreien Zeiten sieht man Kinder noch um 22 Uhr auf den Spielplätzen und die Eltern schauen ihnen von der daneben gelegenen Tapas-Bar aus zu, während sie zu Abend essen. Solche für mich typisch spanischen Szenerien sieht man jetzt natürlich nicht mehr – aus verständlichen Gründen … ist trotzdem ärgerlich.

Welche Rolle hat die Pandemie in deinem Alltag als Student gespielt?

Die Erstsemestler meiner spanischen Uni haben Präsenzunterricht. Alle anderen – und auch ich – haben nur Onlineveranstaltungen. Das hatte ich mir natürlich anders erhofft. „Im Ausland studieren“ bedeutet für mich auch „Kultur erleben“ und das bunte Campusleben in anderen Ländern an anderen Unis kennenlernen. So hat sich die Uni leider nur auf reine Wissensvermittlung beschränkt und es war sehr schwer, neue Leute kennenzulernen. Zum Glück hatte ich ja bereits Freunde, die ich noch aus meinem Auslandsschuljahr kannte. Die meisten von ihnen wohnen allerdings in den angrenzenden Dörfern. Coronabedingt durften sie zuletzt nicht mehr in die Stadt kommen.

Junger Mann sitzt mit kurzer Hose und blauem Hemd sitzt auf einer Liege im Garten mit Laptop auf dem Schoß.
Online-Seminare – auch während des Mallorca-Kurzurlaubs zum Semesteranfang. Quelle: privat.

War es das, was dir am meisten gefehlt hat? Der zwischenmenschliche Kontakt?

Soziale Kontakte halte ich für das wichtigste im Auslandssemester – oder allgemein, wenn man in eine neue Stadt kommt. Wenn man ständig unterwegs ist und jeden Tag etwas Neues erlebt, dann hat man auch gar keine Zeit für Heimweh.

Und weil dir das gefehlt hat, hast du dich dazu entschieden, dein Auslandsstudium abzubrechen?

Nein, „abgebrochen“ habe ich gar nichts. Ich studiere jetzt von Hamburg aus online weiter und finde das in der aktuellen Situation gerade auch ganz angenehm.

Die Entscheidung zum Rückflug ist mir natürlich nicht leichtgefallen. Es lag sicherlich auch an meiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. Ich habe die nur deswegen gemietet, weil ich da noch optimistisch war, dass es Präsenzlehre an der Uni geben würde und ich ohnehin nicht viel Zeit in der Wohnung verbringe würde.

Aber so wie es dann gekommen ist, saß ich dort oft alleine rum, den ganzen Tag vor dem Bildschirm. Durch die stetig strengeren Corona-Maßnahmen hatte ich das Gefühl, dass der Aufenthalt in Sevilla sich kaum noch lohnt, dass ich – bis auf das bessere Wetter natürlich – genauso gut von Deutschland aus studieren könnte – auch wenn ich das natürlich nicht direkt wahrhaben wollte. Außerdem hatte ich Angst vor einer coronabedingten Ausgangssperre, wie es sie im Frühling in Spanien gab. Die hätte ich nur ungern in dieser kleinen Wohnung verbracht.

Wie lief die Rückreise dann ab?

Es war erstaunlich einfach. Ich habe da einen Direktflug nach Deutschland gefunden – derzeit gibt es natürlich nicht allzu viele – dann ab zum Flughafen und von da aus nach Frankfurt. Es ist schon paradox, dass ich wegen Corona nicht in ein Nachbardorf reisen, aber in ein Flugzeug steigen konnte.
Zuhause musste ich dann zunächst in Quarantäne. Nach fünf Tagen durfte ich einen Corona-Test machen. Heute ist der sechste Tag und mein Ergebnis ist da: Ich bin negativ und darf jetzt auch das Haus verlassen.

War es das jetzt erstmal mit Spanien für dich?

Nein! Ich bin jetzt erstmal glücklich in der Heimat – es ist einfach ruhiger und eignet sich besser fürs Onlinestudium als meine Wohnung in Sevilla – aber sollte sich die Situation bessern, möchte ich unbedingt nach Sevilla zurück.

In Spanien gehst du einkaufen und sprichst spanisch; du gehst in eine Bar und sprichst spanisch; du triffst dich mit Freunden und sprichst spanisch – hier nicht; da muss ich selbst daran arbeiten. Ich habe ja immer noch die spanischen Onlinevorlesungen, schaue mir spanische Serien an oder lese spanische Bücher und auch die sevillanische Leichtigkeit trage ich noch in mir.

Du siehst: Irgendwie bin ich noch immer in Spanien geblieben, aber sobald sich die Pandemielage beruhigt hat, möchte ich mein Auslandsstudium auch wirklich im Ausland fortsetzen. Bis dahin kann man nur hoffen und weitermachen – das sollten wir gerade alle.

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