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Ein Sommer in Lateinamerika – was bleibt?

5 Monate Lateinamerika sind rum. Was bleibt – außer einigen Kilos mehr auf den Rippen – von meiner Zeit hier? Steigerungen im Wortschatz und ein paar Credits für das Punktekonto meines Masters sind erfreulich, aber eigentlich nebensächlich. Ein tiefer Einblick in ein Land, das eine der schwersten Dekaden seiner Geschichte durchmacht, haben mich sehr geprägt und eine tiefe Verbundenheit zu den tollen Menschen hier hinterlassen.

Ein Blick auf den Kalender löst nur Ungläubigkeit bei mir aus. 5 Monate sollen um sein und ich muss nach Hause fliegen? Wie schnell die Zeit doch vergeht, wenn man sich amüsiert…

Lange Straße mit Mezcal-Schild
Mein Weg in Mexiko ist nun erstmal zu Ende…

„Das beste an der Welt sind die Menschen…

… das schlechteste der Welt sind sie auch.“ Diese schlauen Worte von Rapper Maeckes haben sich in Mexiko immer wieder bewahrheitet. Eine Stadt wie Mexiko-City zeigt einem nur zu oft die hässliche Fratze der Zivilisation. Ich musste Leute förmlich aus der Metro schubsen, da es hier nicht so üblich ist, Leute aussteigen zu lassen, bevor man sich selbst reinquetscht. Die Stadt ächzt unter der Last von 23 Millionen Menschen, die sich fortbewegen müssen, Müll produzieren und eigentlich auch gerne alle fließend Wasser hätten. Das klappt mehr schlecht als recht. Und Sicherheit? Nun ja, ein permanentes Level an hoher Aufmerksamkeit hat immer geholfen außer halt dieses eine mal und schwupps… waren Handy und Geld weg. Aspekte, die ich nicht unbedingt vermissen werde.

Was ich sehr wohl vermissen werde, ist aber so viel mehr. Das strahlende Lächeln des Taco-Verkäufers, der mich irgendwann nur noch alibimäßig fragte, was ich bestellen möchte, es aber eh schon wusste. Der Dozent, der seinen Doktor in der DDR gemacht hatte und im Seminar auch gerne mal was auf Deutsch erzählte, was ich allerdings schlechter verstand als sein Spanisch. Das liebevolle Frühstück meiner Gast-Omi, die schon morgens so viel zu erzählen hatte, sodass ich eigentlich immer zu spät kam. Und meine Freunde aus der Uni, die mich völlig selbstverständlich integrierten und mich bis zum finalen Sicherheitscheck am Flughafen durch meine Zeit in Mexiko begleiteten. Auch wenn die Freundschaften jetzt erstmal via Whatsapp und Co weiterleben, sie werden bleiben.

Tacostand
Tacos Los Primos; mehr als nur ein Imbissstand

Ein wertvoller Teil der akademischen Laufbahn

Wie viel mir das Studium in Mexiko gebracht hat, werde ich wohl erst im Nachhinein merken. Doch auch jetzt steht schon fest: Ich kann mittlerweile auf Spanisch meinen Standpunkt verteidigen und auch sehr spontan wissenschaftlich diskutieren. Das ist an einer deutschen Uni vielleicht kein direkter Vorteil, ich freue mich aber trotzdem drüber. Ich habe außerdem gelernt, aus einer völlig anderen Perspektive zu denken. Über Politik, über die Welt, über das Leben. Einfach mal Europa nicht in der Mitte der Weltkarte zu verorten…

Ich schaue nun auch etwas demütiger auf einige Verhältnisse in Deutschland generell und im Bildungssystem im Speziellen. Auch wenn auch hier nicht alles perfekt oder gerecht ist, die Universität in Lateinamerika ist nur sehr wenigen Leuten zugänglich, meistens sehr teuer und ein bürokratisches Monster. Andererseits: Campus mit Palmen!!!

Auch Kolumbien kann entzücken

Nach meinem Studium in Mexiko ging es weiter nach Kolumbien. Nach einer kurzen Pause in der Karibik begann für meine Freundin das Praktikum am Goethe-Institut in Bogotá an. Da die Stadt mir bei meinem letzten Besuch ohnehin sehr gut gefallen hatte, begleitete ich sie für zwei Monate in die kolumbianische Hauptstadt. Bei hervorragendem Kaffee konnte ich so wunderbar das Erlebte Revue passieren lassen und noch ein bisschen Unikram erledigen. Auch wenn Kolumbien niemals eine realisitische Chance hatte, mein Herz so wie Mexiko zu erobern, fühlte ich mich sehr wohl. Ausflüge am Wochenende in die verschiedenen Regionen des Landes und das Großstadtleben unter der Woche vervollständigten nach und nach das Puzzle in meinem Kopf, um der südamerikanischen Seele wieder etwas näher zu kommen. Auch wenn García Márquez und andere diesen Kontinent und seine Menschen hervorragend beschrieben haben, es wird noch viele viele Besuche brauchen, um die komplexe Identität zwischen indigenem Erbe, den Zwängen der Kolonialherren und einem modernen Südamerika komplett zu durchdringen.

Terasse mit Ausblick in Bogotá
Unsere Terrasse in Bogotá war durchaus auszuhalten

Warum ich trotzdem gerne nach Hause komme

Neben großer Freude und Dankbarkeit für meine Erlebnisse, freue ich mich trotzdem auf zu Hause. Es gibt Leute, die denken, dass ein Auslandssemester eigentlich nur daraus besteht, das Stipendium am Strand zu verfeiern. Und sicherlich war meine Zeit in Mexiko sehr angenehm und die Aufgaben in der Uni durchaus machbar. Was viele dabei aber übersehen: Auch ich hatte Zweifel und Ängste. Würde mit der Uni alles glatt gehen? Würde ich mich in der Unterkunft wohl fühlen? Wie sicher kann ich mich in Mexiko-Stadt bewegen? Wird mein Körper mir das ganze mexikanische Essen jemals verzeihen? Alles Sorgen, die sich im Nachhinein durchaus als unnötig heraus stellten. Doch vor der Abreise bzw. während meiner Zeit vor Ort konnten manche Frage sehr existenziell werden.

Meine Familie, meine Freunde und meine Freundin mal wieder einige Monate nicht sehen zu können war vor der Abreise sicherlich ein Dämpfer der Vorfreude. Und Fotos von Partys, Grillabenden und Familientreffen geschickt zu bekommen, die ich in Mexiko verpasste, ließen immer wieder mal klitzekleine Momente von Heimweh aufflammen. Letztendlich zeigten die Unterstützung meiner Lieben und die vielen Nachfragen nach meinem Wohlbefinden, dass Mexiko der Ort war, wo ich diesen Sommer sein sollte. Und nach 5 Monaten Lateinamerika freue ich mich nun auf sehr banale Sachen in Deutschland, die ich sonst sicher nicht so zu schätzen wüsste. Das Bier mit den Freunden, Poetry-Slams mit meiner WG und Leberwurstbrote in der Badewanne!

Danke und bis zum nächsten Mal!

Auch wenn ich letztendlich allein in den Flieger steigen und mich durch manche Absurdität und Schwierigkeit im akademischen und alltäglichen Leben Mexikos schlagen musste, gab es eine Vielzahl von Leuten, die mir sehr geholfen haben. Ohne meine Schwester hätte ich niemals meine Liebe zu Mexiko entdeckt, als ich sie vor sechs Jahren bei ihrem Auslandsjahr in Monterrey besuchte. Der DAAD und das International Office der Uni Bochum unterstützten mich enorm bei der Bewerbung, Organisation und nicht zuletzt bei der Finanzierung meines Vorhabens (egal an welcher Uni ihr studiert, das sind immer zwei sehr hilfreiche Anlaufstellen!). Meine Eltern stellten meine Idee nicht infrage, sondern hätten mich am liebsten vor Ort besucht. Meine Freundin unterstützte mich bei der Planung, obwohl drei Monate Trennung sehr lang sein können. Viele Freunde, hielten den Kontakt, obwohl ich drei mal die Telefonnummer wechselte und ewig brauchte, um Nachrichten zu beantworten. Und nicht zuletzt auch danke an alle, die sich die Zeit genommen haben, mein Œuvre hier zu begutachten. 😉

Meine Freunde in Mexiko-Stadt
Meine Chilanga Banda (wörtlich übersetzt: Bande aus Mexiko-Stadt)

Ich möchte jede und jeden ermuntern, Ängste zu überwinden, die möglicherweise von der Planung eines Studiums im Ausland abhalten. Das schwierigste ist der erste Schritt, die Entscheidung. Wenn einen die Begeisterung und Vorfreude einmal gepackt hat, ist auch die lästige Bürokratie und Organisation halb so wild. Informiert euch bei uns oder an eurer Uni, sprecht mit anderen Studierenden über deren Auslandserfahrung und macht euch auf in die Welt. Eine Person, die nur schlechtes über ihr Auslandsstudium zu berichten hatte, ist mir bis heute nämlich nicht begegnet!

Mexiko und Mexiko-Stadt im Speziellen sind ein neues zu Hause geworden. Ein Ort an den ich immer wieder gern zurückkehren werde. Auslandsaufenthalte hinterlassen immer ihren Stempel auf der Identität eines Menschen. Mir gefällt die Vorstellung, jetzt ein kleines bisschen Mexikaner zu sein, jedenfalls sehr!

Im Stadion von Mexiko-Stadt
Im Herzen Mexikaner

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