studieren weltweit

Alles glänzt so schön neu? Der Start in den Spring Term

Einer der großen Poeten des 21. Jahrhunderts, Peter Fox, besingt in einem seiner musikalischen und lyrischen Meisterwerke das Konzept des Neuanfangs, indem er feststellt, dass das Bezaubernde eines Neuanfangs darin liegt, dass nur durch einen Neubeginn frischer Wind weht. Alles glänzt eben, so schön neu!

Nach sechs Wochen Winterferien hat im Februar für mich das zweite Semester meiner Zeit in Harvard begonnen – der Spring Term. Manches fühlt sich nun wieder wie gewohnt an. Ich habe wieder Vorlesungen, verbringe zu viel Zeit in der Bibliothek und meine Alltagsroutine ist wieder in vollem Gange. Anderes ist aber auch ungewohnt, neu und immer noch aufregend. Ich habe neue Kurse und treffe neue und spannende Menschen. Daher heute Folge sechs meines Blogs: Alles glänzt so schön neu? – Der Start in den Spring Term.

1) Die Uni hat mich wieder:

Die ersten Wochen im neuen Semester sind wie in einem Rausch vergangen. Meine Kommilitonen kamen von ihren Reisen oder aus ihrer Heimat zurück, die Bibliotheken hatten endlich wieder reguläre Öffnungszeiten, und mein E-Mail-Postfach fing an, überzulaufen aufgrund der ganzen Newsletter und Veranstaltungseinladungen – Harvard erwachte endlich wieder zum Leben.


Dabei stand die wichtigste Entscheidung gleich zu Beginn der ersten Woche an, da ich meine Kurse für den Spring Term wählen musste. Obwohl ich jetzt schon das zweite Semester hier bin, ist es immer noch eine riesige Herausforderung, aus den Tausenden von angebotenen Kursen an den diversen Fakultäten von Harvard die vier Kurse und Themen auszuwählen, mit denen ich in den nächsten Wochen meine Zeit verbringen möchte.

Deshalb habe ich in diesem Semester zum ersten Mal von der Shopping Week Gebrauch gemacht. Die Shopping Week ist die erste Woche des Semesters und wird von den Professoren nicht als reguläre Vorlesungswoche gestaltet, sondern ist meist eine Einführung in das generelle Thema des Kurses und die groben Fragestellungen, mit denen man sich im Verlauf des Semesters beschäftigen wird. Der Vorteil für uns Studenten: In der Shopping Week kann man so seine acht oder neun Kurse besuchen, die man als potenzielle Favoriten für sich ausgewählt hat, und so ein Gefühl für den Kurs, den Professor und die Kommilitonen als Grundlage für die eigene Kurswahl bekommen. Ich habe mich in diesem Semester schließlich für die Kurse Political Theology, Introduction to East Asian Religion, Catholicism and Democracy und AI Ethics entschieden. Anders als im Fall Term, wo die ersten Wochen des Semesters noch entspannt waren und der Workload erst in der dritten Woche richtig anzog, ging es dieses Mal direkt los. Und so saß ich bereits an meinem zweiten Unitag wieder bis um ein Uhr nachts in der Bibliothek, um meine Texte zu lesen und Essays vorzubereiten. So anstrengend das klingt, für mich ist es der größte Traum, wieder Vorlesungen und Seminare zu haben, an neuen Themen zu arbeiten und mich mit spannenden Gedanken auseinanderzusetzen.

Daneben habe ich endlich wieder angefangen, meine Freunde für Coffee Chats zu treffen und gehe auch wieder fast jeden Tag mit einer neuen Person Kaffee trinken, um anregende Gespräche zu führen und mit neuen Perspektiven konfrontiert zu werden. Und natürlich findet daneben der ganz normale Harvard-Wahnsinn statt. So waren in der vergangenen Woche die Hollywoodschauspieler Rose Byrne und Michael Keaton zu Gast, da sie einen Preis des Harvard-Theaterclubs Hasty Pudding erhalten haben. Und auch die ein oder andere exklusive Party habe ich besucht. Die schönste Begegnung hatte ich vor einigen Tagen, als ich eine Kommilitonin traf, die ich in meiner ersten Woche in Harvard getroffen habe und dann ein wenig aus den Augen verloren habe. Wir haben uns zufällig bei Blank Street – auch so einer Harvard-Institution – getroffen und sie sprach mich auf meine Harvard-Bucket-Liste an. Als ich ihr begeistert davon berichtete, was ich im letzten Semester alles erlebt habe, ist mir auch selbst zum ersten Mal aufgefallen, wie viele spannende und interessante Dinge ich schon an diesem wunderbaren Ort erleben durfte.

2) Der Winter in Boston nichts für schwache Nerven:

Ich habe völlig unterschätzt, wie lange der Winter in Boston dauert. Es ist mittlerweile Anfang März und vor meinem Wohnheim stapeln sich immer noch meterhohe Schneeberge, der ein oder andere meiner Kommilitonen ist zwischenzeitlich – und das ist kein Scherz – vom Fahrrad auf Langlaufskier umgestiegen, um zur Vorlesung zu kommen. Ich dachte aus Berlin schon einiges gewohnt zu sein, was das Überstehen des Winters angeht, aber Harvard bzw. Boston ist wirklich nochmal ein anderes Level. Zwar gibt es hier deutlich mehr Sonne, aber die Temperaturen sind wirklich heftig.

Seit Ende Januar ist das Thermometer nicht mehr über null Grad gestiegen. Zwischendrin gab es Tage, in denen es -20 Grad und kälter war. Hinzu kam: Schnee ohne Ende, zweimal Glatteis und jede Menge Eisregen. In den sozialen Medien gab es ulkige Videos zu sehen, bei denen Menschen in Boston auf dem Charles River spazieren gelaufen sind oder mit Skiern im Boston Commons den Berg heruntergefahren sind. Besonders verrückt sind dabei die Wetterschwankungen, die ungefähr so stark sind wie meine Stimmungsschwankungen, wenn ich Hunger habe. Einen Tag lang scheint die Sonne und es sind „nur“ -5 Grad. Am nächsten Tag sind es -15 Grad und Schneesturm. Das ist, um es mit den Worten meines Freundes Patrick zu sagen: „rough.“  Während meine Freunde in Deutschland teilweise schon angegrillt haben, kämpfen wir in Harvard noch gegen die Kälte an und fiebern dem Frühling entgegen.

Theoretisch könnte mir das Wetter egal sein, da ich eh den ganzen Tag in der Bibliothek sitze, aber was wirklich zu kurz kommt, sind die spontanen Begegnungen auf dem Weg zwischen den Kursen – gerade im Harvard Yard. Normalerweise treffe ich auf dem Weg zwischen meinen Kursen immer irgendeinen meiner Freunde, doch aktuell ist jeder nur damit beschäftigt, möglichst schnell ins Warme zu kommen. Diese kleinen Begegnungen vermisse ich schon. Selbst meine Freunde, die aus Boston – real Bostonians – kommen, erzählen mir, dass dieser Winter besonders übel ist. Um genau zu sein, ist es der zweitstärkste Winter in der Geschichte des Bundesstaates Massachusetts. Aber wir haben es fast geschafft, nächste Woche sollen es tatsächlich 15 Grad werden. Der ein oder andere meiner Kommilitonen hat deshalb schon die Badehose parat gelegt.

3) Und immer wieder der liebe Gott

Mein persönliches Highlight der letzten Wochen war, dass ich eingeladen war, in der Divinity School zu predigen. Traditionell gestalten die katholischen Studenten meiner Fakultät einen Aschermittwochsgottesdienst, zu dem auch alle nicht-katholischen Kommilitonen eingeladen sind. Im Rahmen dieser Andacht durfte ich schließlich zum Gleichnis des verlorenen Sohns vor rund 200 meiner Kommilitonen auf Englisch predigen. Ich muss ehrlich sagen, dass ich ziemlich aufgeregt war. Zwar hatte ich in Deutschland schon öfter gepredigt– der ein oder andere würde mich vielleicht als Rampensau bezeichnen –, aber auf Englisch war dies natürlich eine deutlich größere Herausforderung. Gerade die Schwierigkeit, in einer anderen Sprache genauso witzig zu sein wie in der eigenen Muttersprache, war für mich die größte Challenge, da meine Art des Predigens doch immer sehr von Selbstironie geprägt ist. Meine Predigt drehte sich dabei nicht um den verlorenen Sohn, sondern um den älteren Bruder, der bei seinem Vater zurückbleibt und am Ende mitansehen muss, wie sein Bruder auch noch für seine Verfehlungen belohnt wird. Ein spannender Text, der viele Möglichkeiten für eine interessante Predigt bietet.

Gerade wenn man den ganzen Tag über den lieben Gott nachdenkt, akademische Texte liest und sich mit dem Glauben intellektuell auseinandersetzt, hat es oftmals etwas befreiend, einem Gottesdienst beizuwohnen und das Ritual einfach auf sich wirken zu lassen. Hier wird sicherlich ein anderer Vollzug des Menschseins angesprochen, der im Theologiestudium ab und zu unterzugehen scheint. Das schönste Kompliment macht mir an diesem Tag meine Kommilitonin Michelle, die mir nicht nur mitteilte, dass ich doch Reverend werden solle, sondern auch noch den legendären Satz sagt: „I just realized Germans can be funny.“ Wenn meine Predigt nicht theologisch durchdacht war, dann habe ich an diesem Tag zumindest dazu beigetragen, ein wenig gegen die Stereotype, die es über uns Deutsche in der Welt gibt, anzukämpfen.

Alles glänzt?

Ja, es ist schön in Harvard. Gerade, seit das Leben wieder voll auf dem Campus zurück ist, fühlt sich jeder Tag wie ein kleines Geschenk an. Auch wenn das Pensum wieder enorm ist und ich in den letzten Wochen die Bibliothek selten vor Mitternacht verlassen habe, ist Harvard der perfekte Ort für mich. Die Möglichkeit, jeden Tag mit neuen Gedanken in Berührung zu kommen, sich mit Menschen aus der ganzen Welt auszutauschen und die schier unendlichen Angebote zu nutzen, macht diesen Ort für mich zum Paradies. Alles glänzt so schön neu eben!

Bis zum nächsten Mal.

See Ya 

Hast du noch Fragen?

Mehr zu #Theologie

Video aktivieren

Zum Aktivieren des Videos klicke bitte auf "Video laden". Wir möchten dich darauf hinweisen, dass nach Aktivierung Daten an YouTube übermittelt werden. Mehr dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Du kannst deine Einwilligung zur Übermittlung von Daten jederzeit widerrufen.

Auf Instagram abspielen

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Video aktivieren

Zum Aktivieren des Videos klicke bitte auf "Video laden". Wir möchten dich darauf hinweisen, dass nach Aktivierung Daten an YouTube übermittelt werden. Mehr dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung. Du kannst deine Einwilligung zur Übermittlung von Daten jederzeit widerrufen.

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt

Auf TikTok abspielen

Erlebe meinen Auslandsaufenthalt