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Auf der Suche nach dem lieben Herrgott?!

Drei Monate Harvard Divinity School voller Kirchenbänke, hitziger Seminardebatten und neuer Gedanken über das Göttliche. Habe ich auf dem Weg zum lieben Herrgott Antworten gefunden oder noch mehr Fragen? Eine erste Zwischenbilanz meiner theologischen Suche in Harvard.

Jeder Mensch braucht eine life mission. Diese Aussage tätigte mein Professor Grant Freeland vor einigen Tagen während einer Vorlesung an der Harvard Kennedy School, bei der es um die Frage nach unserem Platz im Leben geht. Wer mein Profil auf diesem Blog genauer betrachtet oder mir in den sozialen Medien folgt, muss nicht lange suchen, um meine persönliche life mission zu finden. Dort heißt es überall: „Auf der Suche nach dem lieben Herrgott.“ So weit so unspektakulär wird jetzt der ein oder andere sagen, denn von einem Theologiestudenten sollte man sicherlich ein grundsätzliches Interesse im Hinblick auf diese Frage erwarten. Doch für mich steckt hinter dieser – sicherlich mit einem leichten Augenzwinkern zu verstehenden – life mission der tiefe Wunsch, Gott, dem Göttlichen oder dem Transzendenten, näher zu kommen. Es ist gerade diese Suche – man könnte auch, um den Theologen Karl Rahner zu bemühen, von einem inneren Streben sprechen – die mich auf dem ein oder anderen Umweg nach Harvard gebracht hat. Nach drei Monaten an der Harvard Divinity School ist es daher Zeit für eine erste Reflexion: Wie läuft ebendiese Suche nach dem lieben Herrgott? Habe ich ihn vielleicht schon gefunden oder bin ihm nähergekommen? Es gibt wohl keine Frage, bei der sich die ignatianische Tradition der Dreiteilung so gut eignet wie für ebendiese Auseinandersetzung. Daher heute Episode 3 meines Blogs: Auf der Suche nach dem lieben Herrgott?!

1) Die Wurzeln: das Katholische in den USA

Wer mein Nachdenken über den lieben Gott nachvollziehen will, der muss sicherlich meine katholische Sozialisation sowie meinen Hintergrund in der katholischen Theologie kennen. Jede Form von vernunftgemäßem Nachdenken und daraus resultierender Erkenntnis muss anerkennen, dass sie individuelle – man könnte von a priori sprechen – Vorerfahrungen mitbringt, die sich auf das eigene Nachdenken auswirken. Für mich bedeutet das: ein Aufwachsen, eine Sozialisation sowie das Praktizieren meines katholischen Glaubens. Ich war daher sehr neugierig, als ich mich in den USA einer katholischen Gemeinde – genauer gesagt der Studentengemeinde St. Paul – angeschlossen habe.

Zwei Dinge fallen hier auf: Zum einen die Tatsache, dass die Kirche hier sonntags immer rappelvoll ist und das nicht durch alte Leute, sondern durch unzählige junge Studentinnen und Studenten. Eine Messe mit 300 bis 400 jungen Menschen ist hier an einem Sonntag ganz normal. Ich empfinde die Erfahrung, mit so vielen jungen Menschen meinen Glauben zu teilen, als unfassbar bestärkend. Zweitens: Die katholische Kirche ist in den USA deutlich konservativer als in Deutschland. Ohne in die Untiefen theologischer Diskussionen absteigen zu wollen, kann ich unter meinen amerikanischen Glaubensgeschwistern tendenziell eine, die klassischen Positionen des Katholizismus rezipierende, Haltung erkennen. Das ist theologisch jetzt nicht unbedingt meine Linie, dennoch schätze ich es, dass es unter den einfachen Gemeindemitgliedern eine viel größere religiöse Sprachfähigkeit gibt als in Deutschland. Viele meiner Glaubensgeschwister haben schon mal theologische Texte gelesen und sich ernsthaft mit der Vernunft mit ihrem Glauben beschäftigt. Das sorgt insgesamt für ein großartiges Klima, in dem man sich über den eigenen Glauben austauschen kann. Für mich ein bereicherndes Umfeld, um dem lieben Gott näher zu kommen. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass diese konservative Tendenz in den USA immer noch stark von Gemeinde zu Gemeinde abhängig ist. Wenn ich zu den Jesuiten ans Boston College fahre, sieht die theologische Ausrichtung schon wieder anders aus. Gleichzeitig ist diese konservative Grundtendenz gut nachzuspüren. 

Und noch etwas habe ich über meinen eigenen katholischen Glauben in den USA gelernt, genauer gesagt in der Auseinandersetzung mit verschiedenen evangelikalen Gruppierungen. Für die Nicht-Theologen: Unter evangelikalen Christen bezeichnet man eine Strömung des protestantischen Christentums, die sich vor allem durch eine starke Betonung der (meist wörtlichen) Bibelauslegung auszeichnet. Die Evangelikalen stellen in den USA mittlerweile die größte christliche Gruppe und sind auch politisch äußerst relevant, da sie bei der letzten Präsidentschaftswahl fast ausschließlich für Donald Trump gestimmt haben. In den Gesprächen mit meinen evangelikalen Kommilitonen war ich immer wieder überrascht, wenn nicht sogar schockiert, was in den dortigen Kirchen gepredigt und gesagt wird: Gottesbilder, die eine aufgeklärte Theologie als überholt, wenn nicht sogar als Quatsch bezeichnen würde, werden dort am Sonntag verbreitet. In der Auseinandersetzung habe ich als Katholik nochmals eine neue Wertschätzung gegenüber dem Papsttum erfahren. Als rheinischer Katholik wächst man ja grundsätzlich mit einer gesunden Portion Skepsis gegenüber allem, was aus Rom kommt, auf. Schließlich gilt das Motto: „Jeder Jeck ist anders.“ Die Erfahrung mit den teils drastischen Aussagen meiner Kommilitonen hat in mir eine neue Wertschätzung entstehen lassen für eine Institution wie das Papstamt, die verhindert, dass bestimmte Dinge verbreitet werden, die theologisch völliger Humbug sind. 

2) Dem lieben Herrgott intelektuell näher kommen

Ich bin ein Kopfmensch, das heißt, ich denke gerne nach und genauso versuche ich auch dem lieben Herrgott näher zu kommen. Gerade deswegen studiere ich Theologie. Die Divinity School in Harvard ist hierfür der perfekte Ort. Ich habe hier jeden Tag die Möglichkeit, mich mit neuen Gedanken, Texten und Kontexten zu konfrontieren, die mein Nachdenken über Gott sowie mein Gottesbild prägen – vielleicht sogar verändern. Hierzu zählt für mich nicht nur das Nachdenken über Gott an sich, sondern auch die Auseinandersetzung mit dem Menschen: Was macht den Kern des Menschen aus? Ist der Mensch von Natur aus ein spirituelles Wesen? Sich den ganzen Tag mit solchen Fragen beschäftigen zu können, ist ein riesiges Privileg, das ich jeden Tag zu schätzen weiß. Was mir in dieser intellektuellen Auseinandersetzung mit dem lieben Gott besonders gut gefällt, sind die Gespräche mit meinen Kommilitonen. Es ist unermesslich bereichernd, mit ihnen darüber zu diskutieren, wie sie bestimmte religionsphilosophische Konzepte verstehen. Dieser Austausch ist es eigentlich, der mich in meiner Suche nach dem lieben Gott weiterbringt und mir neue Zugangsmöglichkeiten bietet. Es ist in diesem Kontext für mich persönlich spannend gewesen, festzustellen, welche Texte und Überlegungen mit mir resonieren. So habe ich beispielsweise mit Texten von Hegel und Judith Butler in Deutschland gar keine bereichernden Erfahrungen gemacht und hier ist es auf einmal völlig anders. Es scheint so zu sein, dass manchmal auch ein Ortswechsel neue Zugänge zu bereits bekannten Dingen ermöglicht. 

Gleichzeitig wusste schon Papst Benedikt, dass man sich nicht in den Glauben hereindenken kann. So gern ich mich mit philosophischen und theologischen Texten auseinandersetze und so sehr mir diese beim Verstehen meines eigenen Glaubens helfen, muss ich dennoch anerkennen, dass Glaube am Ende auch eine individuelle Erfahrung ist, die nicht durch den Verstand, sondern durch das Innere des Menschen erreicht werden kann. Das heißt für mich, dass es bei allem theologischen Nachdenken über Gott genauso wichtig ist, sich Momente zu nehmen, in denen ich ins Machen, d.h. in das Praktizieren des Glaubens, komme. Gerade deswegen ist es mir so wichtig, bei den Jesuiten sowie den Assumptionists zu Gast zu sein. Hier finde ich ein Umfeld vor, das mir diese intellektuelle Auseinandersetzung ermöglicht. Das gemeinsame Gebet, die gelebte Spiritualität und auch einfach das gemeinsame Essen sind ein völlig anderer Zugang, bei dem ich regelmäßig das Gefühl habe, dem Göttlichen näher zu kommen.      

3) die religiöse Pluralität als Herausforderung

„Für mich ist Jesus der einzige Weg zu Gott.“ Dieser Satz war vor einigen Wochen in einem meiner Seminare zu hören. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ein anderer Kommilitone antwortete: „Als Hinduist finde ich diesen Satz arrogant.“ Wer sich diese Situation vor Augen führt, weiß schnell, dass es um eines der großen theologischen Grundprobleme geht: die Frage nach der gleichzeitigen Existenz von diversen Glaubenssystemen und der Tatsache, dass jedes dieser Glaubenssysteme für sich und für die Welt einen Wahrheitsanspruch artikuliert, der die Existenz von anderen Systemen zumindest in ihrer Vollständigkeit negiert. Ich gebe zu, dass mich diese Frage in Deutschland in meine theologischen Studien nie so richtig interessiert hat, lieber habe ich mich mit Theodizee beschäftigt. In Harvard holt mich die Frage nach religiöser Pluralität mit voller Wucht ein. Wenn ich in einem Kurs mit Muslimen, Buddhisten, Juden, Hinduisten und vielen weiteren Glaubensrichtungen zusammensitze und diese mir ihre theologischen Überlegungen zu Modellen präsentieren, zweifle ich immer mehr an dem Wahrheitsanspruch, denn das Christentum für sich und sein theologisches System erhebt. Ich meine dies nicht im Sinne, dass ich meinen eigenen Glauben verliere und mir überlege die Religion zu wechseln, aber de facto muss ich nach drei Monaten in Harvard anerkennen, dass ich mir nicht mehr sicher bin, bzw. dass ich nicht mehr daran glaube, dass nur das Christentum bzw. die abrahamitischen Religionen ein theologisches System anbieten, welches Wahrheit vermittelt. Die Erfahrung von religiöser Pluralität und den damit einhergehenden theologischen Herausforderungen muss sicherlich als größte Erkenntnis aus meiner Gottessuche in Harvard gelten.  

So schön das Erleben von gelebter Pluralität auch ist und so sehr sie sicherlich auch zur Suche nach dem lieben Herrgott gehört, so sehr muss ich jedoch auch feststellen, dass Pluralität auch zu einem Problem werden kann, nämlich dann, wenn diese in einen meist moralischen Relativismus abgleitet. Gerade weil an der Divinity School viele Glaubenssysteme und damit auch moralische Systeme als gleichberechtigt und wertvoll anerkannt werden, kann stellenweise schon die problematische Konstellation auftreten, dass moralische Bewertung nicht mehr möglich ist. Diese Konstellation eines moralischen Relativismus halte ich ebenso für problematisch wie die eines religiösen Universalismus, da in einem relativistischen System keine Möglichkeit mehr besteht, bestimmte Werteüberzeugungen als moralisch schlecht zu beurteilen, da diese Positionierung dem pluralistischen Ethos widerspricht. Ein Beispiel: In einem meiner Seminare diskutierten wir neulich über die Genitalverstümmelungen bei jungen Mädchen in bestimmten religiösen Kontexten. Während einige Kommilitonen von mir die Position vertraten, dass man dies nicht moralisch bewerten dürfe, da es sich hierbei nun mal um einen religiösen Akt handele, habe ich die Position vertreten, dass diese Praxis scharf zu kritisieren ist, da sie grundlegenden moralischen Wertvorstellungen widerspricht. Diese pluralistische Haltung führt letztendlich dazu, dass wir keinerlei Handlungen mehr moralisch bewerten können. 

Die Suche geht weiter…

Drei Monate in Harvard, drei Monate an der Divinity School. Habe ich den lieben Herrgott nun also gefunden? Habe ich die himmlische Herrlichkeit erblickt? Leider nicht, aber die Suche an sich ist es ja eigentlich, die den eigentlichen Kern des Nachdenkens über Gott ausmacht, die mich immer näher zum lieben Herrgott kommen lässt. Manches wird klarer, manches wird unklarer und ab und zu kommen neue Fragen auf. Die Suche nach dem lieben Herrgott geht weiter!

See ya.

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