15. September 2025
Nach vier Wochen in Harvard kann ich sagen: Es ist der schönste Ort der Welt. Was ich in meinen ersten Wochen erlebt habe, warum ich mich so wohl fühle und was das Geheimnis von Harvard ist, das erzähle ich euch in meinem ersten Blogbeitrag.
Mal ehrlich, meine Erwartungen waren groß, wenn nicht sogar riesig. Wenn man an der vielleicht besten Uni der Welt studiert, dann möchte man auch einiges geboten bekommen: die besten Professoren, spannende Kommilitonen, eine herausragende Infrastruktur und ein Umfeld, in dem man uneingeschränkt seinen akademischen Interessen nachgehen kann.
Aber der Reihe nach. Mein Name ist Jannik und seit vier Wochen studiere ich in Harvard, genauer gesagt an der Harvard Divinity School, dem theologischen Fachbereich. Dort suche ich den lieben Gott, gehe dem Wesen der Religion auf den Grund und denke über den Sinn des Lebens nach.
Auf diesem Blog halte ich euch einmal im Monat über mein Leben an der Ivy League auf dem Laufenden. Dabei folge ich einer alten Tradition der Jesuiten und präsentiere euch 3 Punkte. Heute also Episode I: Harvard – der schönste Ort der Welt.
1) Menschen machen den Unterschied
Ohne Zweifel: Jeder meiner Kommilitonen, den ich bisher kennenlernen durfte, ist unfassbar smart. Das ergibt Sinn und war auch zu erwarten. Was mich überrascht hat, ist das gewisse Etwas, was jeder der Studenten mitbringt. Jeder meiner Kommilitonen hat eine spannende Geschichte, hat irgendetwas Einmaliges gemacht oder ein spannendes Projekt, an dem er gerade arbeitet. Der eine baut eine Onlineplattform für Sportwetten, die mit artifical intelligence arbeitet; der andere ist buddhistischer Mönch und hat die letzten zehn Jahre in einem Kloster in Nepal gelebt. Das sorgt zum einen dafür, dass man wirklich jeden Tag neue spannende Menschen kennenlernt, und es einfach bereichernd ist, mit Kommilitonen Kaffee zu trinken oder sich abends zum Essen zu treffen. Zum anderen sorgt dies auch dafür, dass die Dynamik in den Vorlesungen eine ganz andere ist. Jeder der Studenten gibt 150%, ist mega motiviert und bringt seine eigene Perspektive mit ein. Gleichzeitig gilt: Es sind alles normale Menschen. Der eine vergisst mal den Abwasch in der geteilten Studentenküche, die andere verliert ihren Bibliotheksausweis und wiederum ein anderer löst aus Versehen einen Feueralarm aus. Was Harvard also schafft, ist es, spannende Leute aus der ganzen Welt zu versammeln und ihnen einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie studieren, diskutieren und miteinander wachsen können. Das Attribut smart trifft also definitiv auf jeden hier zu, ist aber tatsächlich nicht das Entscheidende.
2) Zeit, dass sich was dreht
In Harvard ist immer was los – und damit meine ich immer. Montag gemeinsamer Ausflug zum Harvard Arts Museum, Dienstag ein Gespräch mit dem Außenminister von Saudi-Arabien, Mittwoch Konzert mit einem Popstar aus Kalifornien, Donnerstag gemeinsame Meditation. In Harvard kann man ständig, überall irgendetwas unternehmen. Gerade weil die Studenten so viel Eigeninitiative mitbringen, gibt es unzählige selbstorganisierte Clubs, die wirklich für jeden etwas bereithalten: Von A wie Ameisenzucht bis Z wie Zyprische Landesgruppe ist wirklich für jeden etwas dabei. Hinzukommen unzählige von der Universität oder den einzelnen Schools organisierte Veranstaltungen, die den Kalender schnell fühlen: Bill Gates ist zu Gast? – In Harvard ein ganz normaler Dienstagabend. Was man daher schnell lernt, ist zu Priorisieren. Man kann einfach nicht alles machen, denn das Angebot ist einfach zu groß. Einer meiner Professoren erzählte mir letzte Woche, er sei seit 25 Jahren in Harvard und er habe immer noch nicht das Gefühl, 10 Prozent von allem gesehen zu haben. Diese schiere Flut an Möglichkeiten sorgt dafür, dass man sich ganz konkret überlegen muss: Was ist mein Ziel hier? Wie möchte ich die einmaligen Ressourcen dieses Ortes nutzen, um meine Interessen zu verfolgen? Das heißt aber auch Fomo – für die Älteren unter uns, fear of missing out. Gerade weil ständig etwas passiert, hat man chronisch das Gefühl, etwas zu verpassen – die bessere Veranstaltung, die spannenderen Leute, das bessere Essen, die coolere Location. Und: Meine Smartwatch weckt mich seit drei Wochen konstant mit der Erinnerung daran, dass vier Stunden Schlaf pro Nacht nicht ganz so optimal sind. Gerade hier merke ich schon, dass es mir nicht leicht fällt, Sachen zu verpassen oder auf eine Veranstaltung zu verzichten. Vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit oder Übung – aktuell gelingt es mir nicht so gut.
3) Let’s talk uni
Harvard ist schwer – wer hätte das gedacht? Spaß beiseite, das Unipensum hier ist wirklich enorm. 500 – 600 Seiten lesen pro Woche, ein bis zwei Abgaben von Hausarbeiten sowie Gruppenarbeiten und Diskussionssektionen sind der Standard. Zehn Stunden in der Bibliothek sind ein ganz normaler Tag – auch samstags und sonntags. Ich will an dieser Stelle schon ehrlich sein, so spaßig sich das Leben hier mit den ganzen Events anhört: Mein Tag besteht zum Großteil aus akademischem Arbeiten in der Bibliothek mit einem herausfordernden Pensum. Das ist genau das, was ich wollte, und deswegen genieße ich die stundenlangen Reading-Sessions, aber es gehört sicherlich zu einem realistischen Blick auf das universitäre Leben dazu, dass die akademischen Anforderungen und damit auch der Druck enorm sind. Gerade wenn man gewohnt ist, immer der Beste zu sein, ist es plötzlich ungewohnt, in einem Klassenraum zu sitzen, in dem jeder der Kommilitonen fleißig, schlagfertig und gut vorbereitet ist. Das sorgt auf der einen Seite sicherlich dafür, dass man sich bis an seine Grenzen und darüber hinaus pusht. Das kann aber sicherlich auch für Druck und Stress sorgen.
4 Wochen in Harvard – ein Boxenstopp
Nach einem Monat in Harvard kann ich für mich ganz persönlich sagen: Harvard ist der schönste Ort der Welt. Noch nie habe ich in einen Kosmos eintauchen dürfen, der mich so schnell in seinen Bann zieht. Die Mischung aus interessanten Leuten, den einmaligen Rahmenbedingungen und der grundsätzlichen Dynamik, die dieser Ort ausstrahlt, ist einfach unglaublich. Ich stehe jeden Morgen mit einem riesigen Lächeln auf und sehe es als unfassbares Privileg, hier zu sein. Ich bin gespannt, was die nächsten Wochen für mich bereithalten. Ich werde es euch jedenfalls hier berichten. Bis zum nächsten Mal.
See ya!







